Seite - 243 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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„es einen Gott gibt, der sich in Jesus zu erkennen gegeben hat“ (1999:
60 Prozent). 35 Prozent glauben, dass „die Zukunft im von Jesus Christus
verkündeten Reich Gottes liegt“ (1999: 41 Prozent).
Diese Werteverschiebung von einer religiös konnotierten Transzendenz
zur Immanenz wurde bereits 1996 von Marianne Gronemeyer beschrie-
ben: Die Erschütterung durch die Pest im 14. Jahrhundert setzte eine Be-
wegung in Gang, die dazu führte, dass in der Moderne „das Leben als letz-
te Gelegenheit“ wahrgenommen wird. Alles Glück muss daher in einem
endlichen Zeitraum erreicht werden. Der Glaube an ein sinnerfülltes Le-
ben nach dem Tod wird schwach und diffus. Diese Tendenzen werden
auch aktuell in den Einstellungen zu Gesundheit und Tod erkennbar.
So hat der Wert der Gesundheit in den vergangenen Jahren den Stellen-
wert eines nahezu moralischen Imperativs bekommen. Der Einzelne ist
verpflichtet, sich permanent um die Optimierung seiner physischen, psy-
chischen und sozialen Gesundheit zu kümmern, und muss im Fall des
Scheiterns und Versagens Rechenschaft abgeben. Gesundheit gilt als Fak-
tor des Sozialkapitals wie auch als Produktivitätsfaktor in Unternehmen.
Im „Werte-Index Deutschland“ ist Gesundheit der wichtigste Wert.11 Dies
wird in Österreich wohl nicht sehr viel anders sein, wie schon in der All-
tagssprache deutlich wird: „Hauptsach’ g’sund“ wünscht man sich nicht
nur zu Geburtstagen.
Demgegenüber erleben die Vorstellungen über ein Weiterleben nach
dem Tod in Österreich seit Jahren massive Transformationen. So stieg
zwar die Zahl jener Menschen, die an ein Weiterleben nach dem Tod glau-
ben von 44 Prozent (1999) auf 53 Prozent (2018). An den Tod als Über-
gang zu einer anderen Existenz glauben 2018 sogar 58 Prozent (1999: 50
Prozent); bei den Konfessionslosen steigt die Zustimmung von 29 Prozent
(1999) auf 41 Prozent (2018). Aber dies lässt sich wohl eher durch die de-
mographische Dominanz einer alternden Bevölkerung erklären. Auch die
Jenseitsvorstellungen werden zunehmend unbestimmter. An die Auferste-
hung im christlichen Sinn glauben nur mehr 41 Prozent der Befragten,
selbst unter Katholikinnen und Katholiken ist dies mit 51 Prozent nur die
Hälfte der Menschen mit konfessionellem Selbstverständnis.12
11 Vgl. Kantar, Werte-Index 2020.
12 Vgl. Polak/Seewann, Religion als Distinktion, 114–115.
Transzendenzmangel in den Werthaltungen der Österreicherinnen und Österreicher
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik