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pretation des Glaubens durch Praxis und Theorie. Um den Glauben zu rea-
lisieren, braucht es also Akte des Transzendierens dessen, was unmittelbar
vor Augen liegt.
Theologisch hat die Fähigkeit zur Transzendenz demnach ihre Quelle
in der Transzendenz Gottes, die sich dem Menschen in der Offenbarung
zu erkennen gegeben hat. Zugleich bleibt sie dem Menschen entzogen
und ist niemals zur Gänze zu erfassen. Aus dieser unüberwindbaren Diffe-
renz zwischen Immanenz und Transzendenz entspringt aus christlicher
Sicht die menschliche Fähigkeit zur Transzendenz, die alle irdischen Gege-
benheiten denkerisch überschreiten kann.
Daher ist die Bibel durchzogen von einer fundamentalen Skepsis gegen-
über allen Autoritäten – religiösen wie politischen –, die sich anmaßen,
Menschen in ihren Dienst zu stellen und über sie zu herrschen. Sie kön-
nen nämlich die Dynamik der Transzendenz blockieren. Das ureigenste
Mandat der Kirche im politischen Raum ist demnach auch der Schutz der
menschlichen Transzendenz22 vor dem Zugriff irdischer Autoritäten (im
Idealfall auch der kirchlichen). Auch kein Virus und schon gar nicht der
Tod dürfen deshalb über Menschen herrschen. Der Rekurs auf die Trans-
zendenz Gottes sichert daher die Transzendenz des Menschen. Im Glauben
an die Auferstehung wird dem Menschen dazu die Hoffnung gegeben,
dass selbst der Tod keine Macht mehr über den Menschen hat. Er ist zu
einer grenzenlosen Transzendenz befähigt – freilich immer in Relation zu
Gott und seinem Ethos. Hier läge die theologische Wurzel, auch ange-
sichts der Bedrohungen durch eine Pandemie und deren Folgen auf die
Krise in Freiheit und mit systemischen Paradigmenwechseln zu reagieren.
Konsequenzen für die Wahrnehmung und den Umgang mit der Covid-19-
Pandemie
Ob die Pandemie als jene Art von Disruption wahrgenommen wird, die es
ermöglichen kann, die Krise als Lernort oder gar als Möglichkeit zu einem
Paradigmenwechsel gesellschaftlicher Ordnung zu interpretieren, ist der-
zeit offen.
4.
22 „Die Kirche, die in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit
mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf, noch auch an irgend-
ein politisches System gebunden ist, ist zugleich Zeichen und Schutz der Trans-
zendenz der menschlichen Person.“ Gaudium et Spes, 76.
Transzendenzmangel in den Werthaltungen der Österreicherinnen und Österreicher
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik