Seite - 250 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Wohl werden Werteverschiebungen stattfinden. Aber wie intensiv und
nachhaltig diese sind, wird sich erst in den nächsten Monaten und Jahren
zeigen. Auch die Finanzkrise 2008 hat ihre ökonomischen, politischen, so-
zialen, kulturellen und religiösen Auswirkungen erst Jahre später entfaltet:
die Durchsetzung des neoliberalen Paradigmas, wachsende Arbeitslosig-
keit, Armut und Ungleichheit, die Entstehung prekärer Arbeitsverhältnis-
se, der Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien, die Entstehung des
Feindbildes des Islam.23 All diese Entwicklungen waren weder notwendige
noch zwangsläufige Folgen, sondern basierten auf ethischen Entscheidun-
gen. Diese wiederum wurden durch bereits existierende Werthaltungen ge-
prägt, die die Weichen für ethische Entscheidungen stellten. Daher muss
an dieser Stelle erneut daran erinnert werden, dass Krisen – gleich welcher
Art – zuinnerst mit der ethischen Verantwortung von Menschen und ins-
besondere von Verantwortungsträgern verbunden sind.
Ein historischer Blick auf die Folgen von Krisen globalen Ausmaßes
weckt gemischte Gefühle. Zum einen folgten dem mörderischen zivilisato-
rischen Abgrund des 20. Jahrhunderts die Errichtung der Europäischen
Union, die Einrichtung internationaler Organisationen und die Allgemei-
ne Erklärung der Menschenrechte. Gleichwohl wird niemand hoffen kön-
nen, dass die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auch nur annähernd
jenes katastrophische Ausmaß haben, das diese Entwicklungen in gewisser
Weise möglich gemacht hat – abgesehen davon, dass diese positiven Lern-
effekte auch nur den Westen Europas und die USA betroffen haben. Die
Mehrzahl globaler Krisen und insbesondere Seuchen hatte neben einigen
positiven Folgen vor allem politisch und weltanschaulich ambivalente und
kriegerische Auswirkungen. So war die Spanische Grippe ein wichtiger
Faktor bei der Entstehung des Faschismus in Europa, da diese, neben den
Leiden des Krieges, den damals Herrschenden die Legitimationsgrundlage
entzogen hatte. Die Pest wiederum ließ den Glauben an einen von einem
guten Gott geordneten Kosmos erodieren und bildete für das damalige
christlich dominierte Europa den Startschuss für jene Weltsicht, der zufol-
ge der Tod fortan nicht durch den Glauben an Transzendenz, sondern
durch Naturwissenschaft, Technik und Medizin besiegt werden soll.
So befreiend die Entwicklungen hin zu immanenten Problemlösungen
waren – auch jeder gläubige Mensch wird wohl froh sein, dass er durch die
Medizin gerettet werden kann –, so hat die Dominanz des Glaubens an die
Immanenz doch heute ein meiner Wahrnehmung nach bedrohliches Aus-
maß erreicht. Theologisch ist es zu begrüßen, dass die Autonomie der
23 Vgl. Kershaw, Achterbahn, 673–740.
Regina Polak
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik