Seite - 251 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Wirklichkeit heute so hohe Wertschätzung erfährt und damit die Macht
und Verantwortung der menschlichen Vernunft ernst genommen wird.
Gleichwohl hat ebendiese Rationalität einer absoluten Autonomie auch in
die Abgründe des 20. Jahrhunderts geführt. Das Streben, den neuen, voll-
kommen autonomen und starken Menschen mit den Mitteln von Politik,
Technik, Wissenschaft und Ökonomie zu schaffen, liegt auch dem Faschis-
mus und den totalen Systemen des Nationalsozialismus und des Kommu-
nismus zugrunde. Aus theologischer Sicht kann Autonomie immer nur in
Relation menschen- und lebensfreundlich bleiben: relativ zu den Anderen,
relativ zu Gott.
Nun wiederholt sich Geschichte zwar, wenn überhaupt, nach Karl Marx
immer nur als Farce, d. h., man greift in der Wahrnehmung und im Um-
gang mit neuen Herausforderungen auf Deutungen und Maßnahmen der
Vergangenheit zurück (z. B. Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus).
Aber man sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Strukturen,
die Rationalität und teilweise auch die Werte, die zu den großen Totalita-
rismen geführt haben, auch heute nicht zur Gänze verschwunden sind. So
weist Vilém Flusser nach, dass „Auschwitz kein Verbrechen im Sinne eines
Regelbruchs war, sondern dass die Regeln unserer Kultur dort konsequent
angewandt wurden […]. Auschwitz war ein perfekter Apparat, der nach
den besten Modellen des Westens hergestellt worden war und funktionier-
te“24.
So birgt die hohe Wertschätzung, die der Wert der Gesundheit heute er-
fährt, als Schatten nach wie vor die gefährliche Idee des unwerten Lebens;
die Reduktion von Freiheitsvorstellungen auf die Durchsetzung persönli-
cher Interessen und der Autoritarismus im Verein mit dem Wunsch nach
der Exklusion von Fremden können an den Willen zur Macht ebenso erin-
nern wie an die rassistischen Grundlagen der Schoah. Es sind auch nicht
nur die „Ewiggestrigen“, die solche Werthaltungen teilen. In den
Perfektions- und Optimierungsvorstellungen moderner Gesellschaften, im
Wunsch, auch die Folgen der Pandemie zu „bewältigen“ und Macht und
Kontrolle wiederherzustellen, können auch dunkle Schatten wohnen.
Nicht zuletzt ist der Mangel an Transzendenzvermögen und ‑spannweite
kein gutes Vorzeichen für einen lernenden und Paradigmen erweiternden
Umgang mit der Pandemie. Stattdessen setzt man auf die Lösung durch
technokratische Methoden: evidenzbasierte Systemmodelle, Datenmodel-
lierung und digitale Kontrolle sollen unsere Sicherheit wiederherstellen.
Wie tief der technokratische Geist in die Bevölkerung eingedrungen ist,
24 Flusser, Der Boden unter den Füßen, 13.
Transzendenzmangel in den Werthaltungen der Österreicherinnen und Österreicher
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik