Seite - 253 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Ich wünsche mir, dass wir das Risiko der Transzendenz eingehen. Dazu
muss man nicht notwendigerweise an Gott glauben.27 Aber über den eige-
nen persönlichen, nationalen Horizont zu schauen und internationale Ko-
operation statt Konkurrenz zu fördern, wären schon eine enorme Weitung
der aktuellen Transzendenz.
Als Theologin kann ich daran erinnern, dass auch die Imperien der Ver-
gangenheit, in denen die biblischen Texte entstanden sind (Ägypten, Baby-
lon, Rom), in sich geschlossene, immanentistische Systeme waren. Beein-
druckend waren ihre ökonomischen, kulturellen und religiösen Errungen-
schaften. Aber sie kreisten um sich selbst. Religion diente der Legitimation
der eigenen Ordnung. Sie hatten keinen Bestand.
Der Gott, der in den biblischen Texten bezeugt wird, sprengt diese Ord-
nungen. Er entzieht sich der menschlichen Verfügbarkeit und lässt sich als
Herr der Geschichte erkennen. Er macht jeden einzelnen Menschen zum
Partner in dieser Geschichte und stellt sich auf die Seite der Schwächsten
und Opfer der imperialen Gesellschaften. Er befreit aus den selbstbezoge-
nen Kreisen und eröffnet eine Transzendenz, die den Raum weitet und die
Zukunft nach vorne hin öffnet. Jeder und jede kann in seiner/ihrer Einzig-
artigkeit und Würde an der Gestaltung der menschlichen Geschichte teil-
haben, getragen von der Zusage, in der umfassenden Transzendenz Gottes
geborgen zu sein. Dies ist die Glaubenserfahrung, die die Verfasser der bib-
lischen Texte bezeugen. Sie entstand inmitten von Dauer-Krisen: inmitten
von Flucht und Vertreibung, in Exil und Diaspora. Katastrophen und Kri-
sen waren der Lernort des biblischen Glaubens.
27 Aus theologischer Sicht ist der Glaube ein Geschenk der Gnade Gottes und kann
nicht durch willentliche Entschlüsse allein oder gar Zwang erzeugt werden; er ob-
liegt der freien Wahl von Menschen, die sich dafür entscheiden können, das An-
gebot Gottes anzunehmen. Wenn aus theologischer Sicht der Glaube an Gott
zwar heilsnotwendig ist, so können wir im irdischen Leben doch den Wunsch
nach Transzendenz an andere Menschen nicht an den Glauben binden. Auch
Menschen ohne religiöses Selbstverständnis sind fähig und willens zur Transzen-
denz. Aus theologischer Sicht ist ihnen dies durch Gott ermöglicht. Dieser Satz ist
daher empirisch und nicht theologisch zu interpretieren und drückt den Respekt
vor dem Selbstverständnis von Menschen aus.
Transzendenzmangel in den Werthaltungen der Österreicherinnen und Österreicher
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik