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Die Zärtlichkeit am Ende?
Apokalyptische Gefühle in der Zeit der Unberührbarkeit
Isabella Guanzini
Drei Diskurse für die Corona-Krise
In dieser Krisenzeit spüren wir uns noch unmittelbarer als sonst in die
Welt geworfen, so als ob unsere gewöhnlichen Anhaltspunkte keinen wah-
ren Halt mehr gewährleisten könnten. Unser gegenwärtiger Zustand ist
von neuen Signifikanten geprägt (Masken, Distanz, Pandemie, Lockdown
usw.) und von neuen Gegensätzen beherrscht (Infizierte/Immunisierte,
Zusperren/Aufsperren, Ausgehen/Drinnenbleiben etc.), die neue Emotio-
nen auslösen und unsere Vernunft und unser Empfinden berühren. Inzwi-
schen haben koreanische Wissenschaftler*innen mit dem Begriff corona
blue neue Formen der Depression bezeichnet, die sich von traurigen Ge-
fühlen innerhalb des sozialen Körpers nähren. Das Virus existiert noch im-
mer zwischen uns wie eine (un-)tote Präsenz, die zwar überlebt und sich
weiter ausbreitet, ohne aber wirklich zu leben. Zwei Monate lang hat uns
das Virus massiv voneinander isoliert. Dann hat sich eine neue Situation
des Verdachts eingestellt, die dazu aufruft, ständig physische und symboli-
sche Trennlinien zu ziehen, um für sich selbst eine gewisse mentale und
körperliche Immunität zu gewährleisten. Wir sind einem geteilten Schick-
sal ausgeliefert, das nicht zuletzt eine bislang unbekannte Form der Passi-
vität erzeugt und unsere Freiheit radikal herausfordert. Von daher spannt
sich der „geworfene Entwurf“, der wir sind, gerade mit besonders unschar-
fen und prekären Konturen auf die Zukunft hin aus: Wir wissen eigentlich
nicht, wie sich unsere Mit- und Umwelt in den nächsten Monaten oder so-
gar Jahren darstellen wird. Wie nie zuvor in unserer globalen Epoche
bleibt unsere Mitgeschichte ziemlich offen und unbekannt.
Am Anfang der Corona-Krise wurde das Geschehen durch den Diskurs
der Wissenschaft bzw. der Medizin beherrscht. Exakte Zahlen, Algorithmen
und Grafiken wurden in unseren Alltag eingeschrieben und haben die
Grundstimmung unserer symbolischen Ordnung bestimmt. Wir haben
uns Virolog*innen und Epidemolog*innen anvertraut und der Entde-
ckung der Impfung einen messianischen Charakter zugeschrieben.
1.
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik