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Dann hat sich der Diskurs der Wirtschaft verstärkt, der unseren dramati-
schen sozioökonomischen Zustand zu retten versucht. Der katastrophale
Effekt dieser Krise auf die Arbeitsplätze, die neue Armut, den Kollaps Eu-
ropas und die Rezession, die unserer Zukunft droht, benötigen radikale
Maßnahmen, die das Gesicht unserer Gesellschaften nachhaltig verändern
werden. Auf dem Spiel steht dabei die Zukunft vieler (junger) Menschen
und Familien, die aktuell gar keine Zukunft zu haben scheinen.
Neben diesen zwei unausweichlichen Diskursen muss sich jedoch ein
neuer weitblickender Diskurs der Politik etablieren, der die beiden ersteren
zu verknüpfen vermag. Der politische Diskurs müsste verhindern, dass die
klinischen Kategorien der aktuellen gesundheitlichen Notlage sich nicht
in politische Gegensätze verwandeln und ein neues Paradigma der Spal-
tung gestalten: immunitas gegen communitas, gesunde, junge Leute gegen
kranke, alte Menschen, offene Gesellschaften gegen geschlossene Gesell-
schaften usw. Die eigentliche Gefahr besteht hier darin, ein neues immu-
nologisches Paradigma zu generieren, das mit der Negativität eines Fein-
des operiert und von vielfältigen immunologischen Schwellen und Barrie-
ren durchdrungen ist. Es handelt sich um die Gefahr eines immunologi-
schen Dispositivs, das über das Biologische hinaus auf das Soziale über-
greift und eine allgegenwärtige Fremdheit und Feindlichkeit ohne konkre-
ten Feind erzeugt, sodass sich ein generelles Gefühl von Panik ausbreitet.
Jedenfalls hat die Corona-Krise den prekären Zustand unserer europä-
ischen Demokratien deutlich zu Tage befördert: die unverzeihlich blinde
und katastrophale Ausnutzung der Natur, die nationalistischen Tenden-
zen, die illusorische Sicherheit der Mauer, die protektionistischen Barrie-
ren, den gesteigerten Rassismus, die noch tiefere Unsicherheit bezüglich
der Arbeitsplätze für die jungen Generationen, den Erfolg der extremisti-
schen Parteien, die emotionalen politischen Appelle, welche die Angst und
den Groll unzufriedener Gesellschaftsschichten ausnutzen.
Zudem hat die Pandemie derzeitige Trends der technologischen Ent-
wicklungen im Bereich der E-Gesellschaft (E-Commerce, E-Business, E-
Learning, E-Kommunikation, E-Government etc.) so verstärkt und be-
schleunigt, dass sie zum Angelpunkt des gesellschaftlichen Austausches in
all seinen Ausformungen geworden sind. Unbestritten ist die Tatsache,
dass der virtuelle Raum keinesfalls einfacher Ersatz für unmittelbare Sozi-
alkontakte sein kann – nicht zuletzt auch deshalb, weil er gegen das Virus
nicht „immun“ ist. Gleichzeitig wird die Transformation der körperlichen
Sozialkontakte, die durch die digitalen Medien abgeschwächt sind, be-
wusst oder unbewusst von vielen Menschen als eine Art Erleichterung
wahrgenommen. Die virtuelle Realität kann tatsächlich die Belästigung
und die exzessive Nähe eines realen menschlichen Wesens mit seiner spür-
Isabella Guanzini
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik