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für Minderheiten, aber ich bin nicht bereit, mir laute Rap-Musik anzu-
hören.“ Das Recht, nicht belästigt zu werden, avanciert zum wichtigsten
Menschenrecht in der spätkapitalistischen Gesellschaft – das Recht auf einen
sicheren Abstand zu anderen.1
Die Pflicht zur Toleranz gegenüber dem Anderen meint in Wirklichkeit
das Vermeiden von Nähe, nicht in die Sphäre des Anderen einzudringen,
den gegenseitigen Respekt, dass man tatsächliche Nähe nicht toleriert. Der
Andere wird angenommen und akzeptiert, solange er mir ähnlich ist. So-
bald er sich in seiner realen und störenden Unterschiedlichkeit zeigt, of-
fenbart die Rhetorik der Alterität und Toleranz ihre Heuchelei und lässt
die Subjekte zum Spielball ihrer Ängste und Aggressivität werden.
Vor diesem Hintergrund kann man sich fragen, ob die Pandemie nicht
etwas zum Ausdruck gebracht und radikalisiert hat, das seit langem die
modernen und postmodernen Gesellschaften charakterisiert und gestaltet.
Das soziale Abstandhalten, notwendig, um die Ansteckung einzudämmen,
hat sich sehr schnell als „offizielles“ Gebot in den individuellen und sozio-
politischen Körper eingeschrieben: Die generelle Tendenz des großstädti-
schen Habitus hat sich nun in ein ziviles und sogar solidarisches Sollen ge-
wandelt, das jedoch auf Dauer eine kollektive Neigung zum permanenten
Misstrauen erzeugen kann.
Notwendigerweise verschärfen die Masken und jene automatischen klei-
nen Abweichungen, die uns fast unbewusst in unseren Spaziergängen von
den Anderen entfernen, das Gefühl, dass unser Weltumgang anders gewor-
den ist. Der Andere verbirgt eine potenzielle Ansteckung; Nähe und Be-
rührung sind gefährliche Gelegenheiten, auf die man verzichten muss.
Von daher hat sich inzwischen eine neue „Gesellschaft des Verdachtes“ eta-
bliert, in welcher jeder bedrohlich und niemand unschuldig ist.
Zugleich fühlen wir uns jedoch völlig auf andere angewiesen – auf die
Medizin, auf die Wissenschaft, auf die Politik –, was uns jedoch gleichsam
beunruhigt. Wie kann man mit dieser Ambivalenz umgehen? Wie kann
man sich den anderen anvertrauen, wenn die anderen Menschen Risiko-
faktoren darstellen? Kann dieser Kombination von Vertrauen und Miss-
trauen, Sich-Anvertrauen und Argwohn ein menschenwürdiges zukünfti-
ges Zusammenleben entspringen?
1 Žižek, Der entkoffeinierte Andere.
Isabella Guanzini
260
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik