Seite - 261 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Bild der Seite - 261 -
Text der Seite - 261 -
Isolation in der Isolation?
Andererseits hat die Corona-Krise auch die Hoffnung aufkeimen lassen,
dass durch die Isolation neue Formen der Solidarität entstehen. In seinem
im März 2020 erschienenen Buch über die Pandemie verweist der sloweni-
sche Philosoph Slavoj Žižek auf einen Gedanken von Catherine Malabou,
die ebendiese Hoffnung ausdrückt: „Sozialität einzuklammern ist manch-
mal der einzige Zugang zur Alterität, eine Art und Weise, sich mit allen
isolierten Leuten sehr eng verbunden zu fühlen.”2 In ihrer Quarantäne hat
die Philosophin die Isolation als eine besondere Gelegenheit genutzt, in
der räumlichen Isolation auch eine persönliche Isolation bzw. eine Nähe
zu sich selbst und ein neues Selbstbewusstsein zu erleben. In einer Art der
(personalisierten) „Quarantäne in der Quarantäne“ bzw. verdoppelten
Quarantäne, baute Malabou eine insula in der Isolation auf, in der sie sozu-
sagen a room of one’s own gesucht hat, um in der bereits bestehenden Tren-
nung von der Gesellschaft allein, jedoch nicht entfremdet zu sein.
I noticed that what made my isolation extremely distressing was in fact
my incapacity to withdraw into myself. To find this insular point
where I could be my self (in two words). I am not talking here of au-
thenticity, simply of this radical nakedness of the soul that allows to
build a dwelling in one’s house, to make the house habitable by locat-
ing the psychic space where it is possible to do something.3
Durch eine frei gewählte „Isolation in der Isolation“, d. h. einen freiwilli-
gen Rückzug in der auferlegten Vereinsamung, konnte Malabou die Dis-
tanz von den Anderen als Moment der Entdeckung einer eigentlichen
Zwischenmenschlichkeit wahrnehmen, die sie mit den anderen Einsamen
verband. Ein Raum, in den niemand eintreten darf, wird zur Bedingung
der Möglichkeit eines Austausches mit dem Anderen. Eine intensivierte
Berührung des eigenen Selbst hat den abgeschwächten Kontakt mit dem
unberührbaren Anderen verstärkt. Die räumliche Einschränkung ent-
spricht hier keiner menschlichen Einschränkung; im Gegenteil ermöglicht
sie ein Moment der „radikalen Nacktheit der Seele“, die unsere Wohnung
erst für uns selbst und für die anderen bewohnbar macht.
Man könnte sich daher fragen, ob es generell bisweilen eine Unterbre-
chung der zwischenmenschlichen Beziehungen bzw. ein Moment der be-
wussten Isolation bräuchte, um die Wirklichkeit der Beziehungen mit den
2.
2 Žižek, PANDEMIC! COVID-19 Shakes the World, 98.
3 Malabou, To Quarantine from Quarantine.
Die Zärtlichkeit am Ende? Apokalyptische Gefühle in der Zeit der Unberührbarkeit
261
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
zurück zum
Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik