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anderen wahrzunehmen und wertzuschätzen. Ist es denkbar, dass das Ab-
standhalten und die Beschränkung der Sozialität eine unerwartete Mög-
lichkeit des Sozialen eröffnen, und zwar gerade durch die Außerkraftset-
zung seiner üblichen Formen?
Es geht um die Frage nach einer neuen Gestaltung des Sozialen, einer
Transformation des Sozialen, die Malabou zufolge nur durch eine durch-
dachte und auf sich genommene, d. h. nicht einfach erlittene physische
Distanz geschehen kann. Wenn es wahr ist, dass eine solche „aktive Isolati-
on“ eine gute Voraussetzung für ein erneuertes Selbstgefühl und eine
fruchtbare Annährung an die eigene Welt sein könnte, bleibt es jedoch
noch fraglich, ob eine derartige Selbsterkenntnis nicht erst durch eine
wirklich praktizierte Mitmenschlichkeit zum Aufbau eines solidarischen
Zusammenlebens führen kann. Einerseits ist das Abstandhalten in Zeiten
der Pandemie ein Zeichen der Sorge und des Respekts den Anderen gegen-
über; andererseits können Distanz und Angst vor der Ansteckung auch
nicht der letzte Horizont unseres Weltumgangs sein. Es ist nicht möglich,
ein echtes Gemeinschaftsgefühl zu generieren, wenn man um das eigene
Überleben besorgt ist. Kann das Abstandhalten wirklich das letzte Zeichen
der Solidarität sein?
Das eigentliche Problem entsteht gerade im Moment der Entlassung aus
der Quarantäne, wenn das „quasi normale“ Leben wieder beginnt. Daniel
Kuran schreibt:
Die größte Verunsicherung verursacht die Isolation nicht in der Isolati-
on selbst, in der wir uns längst mit unseren Prinzipien eingerichtet ha-
ben, sondern in ihrer Auflösung, in der wir unseren Bereich verlassen,
ohne jedoch beim anderen anzukommen und in dem Niemandsland
sozialer Nicht-Begegnung stranden.4
Der politische Diskurs steht folglich vor der enormen Verantwortung, po-
tenzielle Bürgerkriege, dramatische Armut und zwischenmenschliche Kon-
flikte durch ein neues Narrativ zu bändigen. Dieses Narrativ muss sich real
und medial in unsere Haut einschreiben, um jede Form der Panik und Re-
signation so früh wie möglich außer Kraft zu setzen. Dafür brauchen wir
jedoch noch etwas Anderes. Etwas, das in der Lage wäre, wirklich einen
neuen Anfang zu ermöglichen. Wir bräuchten einen Anfang, der nicht
ausschließlich auf die Macht der großen Wirtschaftskonzerne konzentriert
ist.
4 Kuran, Hegel und die Transformation von „social distancing“.
Isabella Guanzini
262
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik