Seite - 265 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Coronavirus allein gestorben sind, unser eigentliches Ausgeliefertsein und
unsere Sterblichkeit neu.
Man kann jedoch ebenso der gegenteiligen Meinung sein, nämlich, dass
diese Zeit noch ein zusätzliches Moment jenes Prozesses der Todesverdrän-
gung darstellt, der Philippe Airès zufolge seit mehr als einem halben Jahr-
tausend unsere Sterblichkeit und Kontingenz zu verheimlichen versucht.8
Genau in den dramatischsten Wochen der Pandemie, vor allem in unbe-
kannten Altenheimen und in völlig überlasteten Krankenhäusern, sind vie-
le Menschen ohne jegliche familiäre Nähe oder Begleitung in der Stille
ihrer allerletzten Einsamkeit gestorben (wiewohl viele Ärzt*innen und
Krankenpfleger*innen inmitten der Tragödie und im Einsatz ihrer letzten
Kräfte stellvertretend auch diese tröstliche Aufgabe auf großartige Weise
übernommen haben).
Der Tod war in der Coronazeit offensichtlich und diskret zugleich: Er
war überall und gleichzeitig unsichtbar. Mich haben jene Bilder besonders
erschüttert, die verlassene und anonyme Särge in einem Altenheimzimmer
zeigten, die aufgrund des Ansteckungsrisikos niemand abholen wollte,
nicht einmal die entsprechende Familie. Manchmal sind diese Särge wie
Relikte einer Sintflut tagelang dort geblieben, manchmal wurden die Lei-
chen ganz unmittelbar nach dem Tod heimlich eingeäschert oder begra-
ben. Der Tod wurde noch einmal verdrängt bzw. sofort verbrannt.
Vor diesem ambivalenten Hintergrund, wo die konkret berührbare
Endlichkeit des Menschen offenbart und zugleich verschleiert oder ganz
versteckt wird, kann man sich fragen, wie eine Praxis der Sorge bzw. der
Zärtlichkeit möglich ist. Kann sie noch eine wirksame Gegenkraft gegen
die Angst und die Melancholie der apokalyptischen Krisenzeit darstellen?
Ich denke, dass die Zärtlichkeit als eine mögliche alternative post-
säkulare Kategorie verstanden werden kann, welche die prekäre Dimension
der Wirklichkeit nicht verdrängt, ebenso wenig aber das Seiende der Be-
deutungslosigkeit eines scheinbar notwendigen universellen In-das-Nichts-
Gehen überlässt. Aus meiner Sicht spiegelt die Zärtlichkeit die nicht-
nihilistische und nicht-dekonstruktive Seite der Wahrnehmung der End-
lichkeit wider, da sie dem Sein-Lassen der Dinge und nicht ihrem Sterben-
Lassen entspricht. Das bedeutet, dass der kontemplative Blick der Zärtlich-
keit nicht auf die Beherrschung oder auf den Besitz der Wirklichkeit ab-
zielt, sondern sich ihrer nicht-verfügbaren, nicht-fixierbaren, nicht-bewert-
baren und nicht-objektivierbaren Seite radikal aussetzt, die sich jeder Kon-
trolle und jedem Unterworfensein entzieht. Deswegen gibt es ein „Glück
8 Vgl. Airès, Geschichte des Todes.
Die Zärtlichkeit am Ende? Apokalyptische Gefühle in der Zeit der Unberührbarkeit
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik