Seite - 277 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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In diesem Zusammenhang darf auch nicht übersehen werden, dass Leid
nicht nur durch Krankheit hervorgerufen wird, sondern auch durch Ar-
beitslosigkeit und Armut, und auch dies wiederum Studien zufolge krank
machen kann – sowohl physisch als auch psychisch (Schenk/Moser 2010).
Problematisch dabei ist, dass ohnehin jene in der Krise benachteiligt sind,
die weniger gut ausgebildet sind, es sei denn, sie sind in einem systemer-
haltenden Beruf tätig wie etwa im Lebensmittelhandel. Wenn aber jemand
beispielsweise in einem Möbelhaus als VerkäuferIn tätig war, dabei ohne-
hin nicht viel verdient hat, möglicherweise monatlich aufgrund der Woh-
nungsmiete und der Versorgung der Familie nur knapp mit dem Einkom-
men auskommt, ist der Verlust des Arbeitsplatzes eine Katastrophe. Zu-
dem ist zu bedenken, dass laut einer Statistik der Österreichischen Natio-
nalbank von 2018 ein Drittel der privaten Haushalte in Österreich ver-
schuldet ist. Die betroffenen Personen rechnen mit ihrem regelmäßigen,
gleichbleibenden Einkommen, um etwa den Kredit für eine Eigentums-
wohnung zurückzahlen zu können. All diese Einzelschicksale sind zu be-
rücksichtigen, bevor man allzu leichtfertig der Wirtschaft den Rang nach
der Gesundheit zuteilt.
Im öffentlichen Diskurs wird Kritik laut, wenn von politischer Seite an-
gekündigt wird, Unternehmen finanziell unterstützen zu wollen. Wo
bleibt die ebenso großzügige Unterstützung für die ArbeitnehmerInnen?
In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, dass es gerade die
Kleinunternehmen sind, die Arbeitsplätze schaffen, die aber häufig auch
von Monat zu Monat wirtschaften (müssen). In diversen Medienberichten
wurden Schicksale von kleinen Unternehmen gezeigt, die eben nicht ein-
fach ein paar Wochen entspannt zusperren können. Auch das Wiederauf-
sperren kleinerer Geschäfte nach Ostern war für manche Kleinunterneh-
men nicht ertragreich: Die Miete für die Geschäftsräume war zu bezahlen,
die Ware wurde geliefert, aber die Kunden blieben zum Teil aus, weil of-
fenbar wenig Bedarf vorhanden war, etwa Kleider und Schuhe in Krisen-
zeiten zu kaufen. Auch hier stehen menschliche Schicksale dahinter, die
mit viel Arbeit, Mühe und Herzblut ein kleines Geschäft oder ein Lokal
führen, dessen Zukunft – und damit auch die persönliche Zukunft dieser
Menschen – ungewiss ist.
Gesundheit und Wirtschaft dürfen nicht gegeneinander ausgespielt wer-
den. Beides ist wichtig, gehört zu einem guten Leben und hängt, wie eben
gezeigt wurde, auch zusammen. Deshalb war es der richtige Weg, die
österreichische Wirtschaft wieder zum Leben zu erwecken. Trotzdem
bleibt zu fragen, wie es gleichzeitig möglich ist, die Ansteckungen weiter-
hin möglichst gering zu halten. Vulnerabilität in der Krise
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik