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Herausforderung für das Team und für die eigene Psychohygiene
Die Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, hat alle Bürger*innen erfasst. So
waren auch die Seelsorger*innen emotional einer Belastungsprobe ausge-
setzt, vor allem jener, sich selbst, die eigene Familie oder auch Patient*in-
nen im Dienst zu infizieren. Wie viel an Risiken darf dem/der Partner*in
oder den Kindern zugemutet werden? Abstimmung innerhalb des Teams
und Gespräche waren notwendig und der berufliche Alltag war durch ein
Wechselbad der Gefühle begleitet, von Gefühlen der Angst, Unsicherheit
und Bedrohung angesichts eigener Grenzen der Belastbarkeit und einer
drohenden Überforderung.
Im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen durften die Seelsorger*innen
im Homeoffice ihrer Tätigkeit nachgehen, was nicht nur zu einer zusätzli-
chen Entlastung geführt hat, sondern teilweise auch die Möglichkeit bot,
selbst entscheiden zu dürfen, wie sehr man sich dem Risiko einer Anste-
ckung bzw. einer Übertragung aussetzt. Diese Wahlmöglichkeit hatten
Menschen in anderen Berufsgruppen nicht.
In den Seelsorgeteams waren oft innere Spannungen in Situationen
spürbar, wo eine Person auf die Station gehen durfte, eine andere wiede-
rum nicht, zum Beispiel weil sie selbst zu einer Risikogruppe gehörte. Das
Team konnte aber auch zu einem wichtigen entlastenden Faktor werden,
wenn aufkommende Emotionen ausgesprochen werden durften. Darüber
hinaus wurden auch der regelmäßige virtuelle Austausch mit Kolleg*innen
aus anderen Teams sowie die (Hintergrund-)Arbeit der jeweiligen diözesa-
nen Leitung der KHS als unterstützend erlebt. Jene Seelsorger*innen, die
im Dienst waren, haben besonders auf eine angemessene Work-Life-
Balance geachtet. Wo eine Nähe zum medizinischen, pflegerischen Perso-
nal möglich wurde, hat dies für besonderen emotionalen Zusammenhalt
gesorgt und zur emotionalen Entspannung beigetragen. Letztlich schöpf-
ten einige auch aus ihrer Spiritualität Kraft für den Dienst und für den
Umgang mit dieser besonderen Zeit, wie eine Seelsorgerin schreibt: „Mei-
ne Motivation, den Dienst in dieser Zeit zu tun, war letztlich eine geistli-
che: Dort zu sein, wo Gott im Tiefsten ist, bei den Leidenden, bei den Ster-
benden, alles andere als dort zu sein, ergab keinen Sinn.“
Neue Wege entstehen, indem man sie geht
Die genannten Praxisbeispiele beschreiben nachdrücklich, inwiefern die
klassische KHS durch das umfassende Kontaktverbot mit einer beispiello-
sen Herausforderung konfrontiert wurde. Seelsorge, wie wir sie bisher
2.3
3. Was willst Du, dass ich Dir tue? (Lk 18,41)
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik