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derstreit. Der kirchliche Auftrag, als Seelsorger*in zu den Kranken zu ge-
hen, wird, wie zuvor bereits beschrieben, aufgrund von Restriktionen
durch die Krankenhausleitung untersagt. Die Möglichkeit, als Seelsor-
ger*in im ausgewiesenen Covid-Bereich den Dienst versehen zu dürfen,
steht möglicherweise sehr schnell im Widerspruch zu persönlichen Ängs-
ten, selbst infiziert bzw. eine Gefahr für eigene Familienangehörige zu
werden. Im Betreten dieses Neulands ist jede(r) Seelsorger*in herausgefor-
dert, die eigene Position in diesem dynamischen Balancezustand zwischen
Auftrag und Selbstschutz zu definieren. Und oft genug wird es ein Arbei-
ten „zwischen den Stühlen“, wo die herkömmlichen Rollen nicht (mehr)
tragen werden.
Aufgrund der Praxisberichte und ohne einen Anspruch auf Vollständig-
keit erheben zu wollen, werden nun drei Fährten gelegt, die sich an bibli-
schen Motiven orientieren und anschlussfähiges seelsorgliches Handeln
beschreiben.
„Ich werde dort sein, wo du bist.“ (Ex 3,14)
Den Gottesnamen, den Moses am brennenden Dornbusch erfragt hat,
übersetzt Martin Buber mit einem innigen Beziehungsgeschehen: „Ich
werde dort sein, wo du bist!“17 Allein die Beziehung im Hier und Jetzt ver-
ändert die Voraussetzungen und lässt den Kontext in einem anderen Licht
erscheinen. Es gibt keine starren situativen oder institutionellen Bedingun-
gen. Der Moment der Begegnung wird zur Gotteserfahrung.
Was in dieser Sequenz beschrieben wird, ist der grundlegendste Habitus
einer seelsorgenden Person: dort zu sein, wo die Freude und das Leid18 der
Menschen ist, denen der/die Seelsorger*in begegnet, sie zu begleiten und
das Leben dort miteinander zu teilen, wo es gerade stattfindet. Wo die aus-
gewiesenen Orte seelsorglichen Handelns, wie z. B. rituelle Handlungen in
sakralen Räumen, situationsbedingt stärker in den Hintergrund treten,
sind es – auch situationsbedingt – nun vielleicht die Begegnungen „zwi-
schen Tür und Angel“, die etwas von der göttlichen Zuwendung im mit-
menschlichen Wort und/oder einer Geste der Achtsamkeit, spürbar wer-
den lassen.
3.2.2
17 Siehe Staudacher, Ich werde sein, wo du bist.
18 Siehe dazu die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ 1: „Freude und Hoffnung,
Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedräng-
ten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger
Christi.“
Maria Berghofer, Sabine Petritsch, Detlef Schwarz
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik