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Die erste und grundlegende Voraussetzung für eine redliche KHS ist das
aufrichtige Interesse am Menschen und an seiner Lebensgeschichte. Dieses
Interesse kann durch vielerlei Arten anschlussfähiger Kommunikation zur
Begegnung werden. Jesus, der selbst in Jerusalem gestorben ist, bleibt ganz
bei dem Kummer und der trauernden Sorge, die den beiden Jüngern die
Augen verschlossen halten. Er selbst nimmt sich zurück. Er spendet keinen
billigen Trost, sondern nimmt sie an in ihrem Schmerz und ihrer Enttäu-
schung und geht einfach mit ihnen.
Diese Wegbegleitung durch Krankenhausseelsorger*innen hat während
der Corona-Pandemie im Hier und Jetzt der alltäglichsten Orte und Situa-
tionen des Krankenhauses stattgefunden: im Gespräch mit der Pflegekraft
am Ende ihres Dienstes und am Ende ihrer körperlichen und emotionalen
Kräfte; in der Ermöglichung eines Telefonates einer Patientin mit ihren
Angehörigen, wo der persönliche Besuch untersagt war; in einer Geste des
basalen Zuspruchs, wo die Seelsorgerin dem Krankenhauspersonal einen
Kartengruß und einen selbstgebackenen Kuchen oder Schokolade vorbei-
bringt. Ich gehe mit. Ich trage mit. Ich suche Ermöglichungsoptionen, da-
mit Kommunikation fließen kann und die Sorge, der Kummer, aber auch
die Freude über Heilung und geglückte Begegnungen einen Ausdruck fin-
den können.
Schlussbemerkung
Im Auf-hören und Innehalten, im „Dazwischen“, im Verweilen und Be-
trachten dessen, was um einen herum geschieht, jenseits aller herkömmli-
chen Routinen, eröffnen sich für die Praxis der KHS ansatzweise neue We-
ge und neue Perspektiven, die vermutlich immer schon da waren. Es beste-
hen Kummer und tiefe Irritationen über all das, was an Liebgewonnenem
zurzeit nicht mehr möglich ist. Doch erst diese veränderte Situation unse-
rer Umwelt gewährt uns andererseits neue Freiräume, die uns in der KHS
zuvor wohl kaum jemals als eine Option vorgekommen wären.
Grundsätzlich gilt es eine neue, achtsame Offenheit für alle Menschen
zu gewinnen, denen ein(e) Krankenhausseelsorger*in begegnet – im jewei-
ligen Hier und Jetzt, absichtslos und mit der handlungsleitenden Frage Je-
su: „Was willst Du, dass ich Dir tue?“ (Lk 18,41)
4. Was willst Du, dass ich Dir tue? (Lk 18,41)
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik