Seite - 303 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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bleiben ihrer nächsten Angehörigen, die emotionales Getragensein, Wär-
me, Liebe und Unterstützung vermitteln könnten. Die Angehörigen kön-
nen diesem Auftrag, den sie auch für sich selbst erfüllen wollen, nicht
nachkommen. Sie sind zudem in einem hohen Maße selbst unterstüt-
zungsbedürftig. Ihnen bleiben das Erleben von Schmerz und Leid sowie
das Begleiten des Weges des Abschiednehmens vom nahestehenden Men-
schen (zunächst und über weite Strecken) verwehrt. Die Entscheidungssi-
tuation, ob noch weitere lebenserhaltende Therapien vollzogen werden
sollen, können sie nur fernmündlich begleiten. Aus dieser Distanz heraus
müssen sie sich auf die medizinische Kommunikationskultur einstellen,
die einen ganz spezifischen Blickwinkel auf Körper und Krankheit ins
Wort fasst. Der persönliche Blick auf die Empfindungen der Patientin so-
wie die dialogische Rücksprache mit ihr, was Angehörige als Sprachrohr
für sie vermitteln sollen, sind nicht möglich.
Der Seelsorger ist in dieser Situation Kontaktperson und als solcher
Stellvertreter der Angehörigen und Brückenbauer zwischen Patientin und
Tochter. Seine Präsenz am Krankenbett ermöglicht personale Begegnung,
die Telefonate einen mitmenschlichen Austausch. In beide Richtungen ge-
schieht emotionale Entlastung durch die im Seelsorger vermittelte Unmit-
telbarkeit. Zusätzlich zu den medizinischen Fakten und der daraus resul-
tierenden finalen Lebenssituation spielt die „Dimension der Gefühlsar-
beit“5 eine wichtige Rolle; Trauerarbeit kann dadurch begleitet werden.
Mit einem Wort: Seelsorge leistet einen unersetzbaren und speziellen
Beitrag im Begehen und in der Bewältigung dieses Prozesses, dem weder
Ärzteschaft noch Pflegekräfte in dieser Intensität nachkommen können. In
der personalen, direkten Begegnung schafft sie einen Raum, der Erleben,
Erzählen und dialogischen, wenn man so will, auch trialogischen Aus-
tausch ermöglicht. Seelsorge erweist sich im Kontext des Besuchsverbots
aufgrund ihrer kommunikativen Möglichkeiten als unverzichtbar.6
Mit der generellen Besuchserlaubnis ist zwar der Weg zur Wiederauf-
nahme des regulären Seelsorgedienstes am Krankenbett geebnet, in der
konkreten Umsetzung gewinnt dann allerdings eine grundlegende Frage-
stellung an Bedeutung: Welches Risiko gehen Seelsorgerinnen und Seel-
sorger mit Besuchen am Krankenbett ein, wie gehen sie mit ihren eigenen
Sorgen, mitunter auch Ängsten um? Die Ausgangslage ist eindeutig: Im
Krankenhaus ist die Gefahr der Ansteckung Dritter durch Seelsorgerinnen
und Seelsorger wie auch die Gefahr der Eigenansteckung erstens höher
5 Klessmann, Einleitung: Seelsorge in der Institution „Krankenhaus“, 18.
6 Vgl. Roser, Krankenhausseelsorge und Spiritual Care, 230–231.
„Unsere täglichen Besuche gib uns heute …“ Krankenhausseelsorge und Besuchsverbot
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik