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und zweitens in ihren möglichen Auswirkungen noch folgenreicher und
einschneidender. Die Antwort auf dieses Dilemma hingegen fällt verschie-
den aus: Objektive Kriterien, wie z. B. die Verringerung der Gefährdung
durch die Einhaltung entsprechender hygienischer Maßnahmen, stehen
im Widerstreit mit subjektiven Risikobewertungen und Gefühlslagen. Die
teaminterne Diskussion wird kontrovers geführt. Es zeigt sich die Span-
nung zwischen zwei Polen: die kirchliche Sendung, der seelsorgliche Auf-
trag, der aus dem Evangelium abgeleitete Anspruch zur Hingabe auf der
einen Seite; die Selbstfürsorge sowie die Pflicht zum Schutz nahestehender
Angehöriger, die womöglich auch einer Risikogruppe angehören, auf der
anderen Seite. Entscheidend dabei scheint im Sinne der Unterscheidung
der Geister der Blick auf die Frage zu sein, wohin die eigene mit Sorge ver-
bundene Risikobewertung führt bzw. wohin die offensive Bereitschaft
zum bedingungslosen Dienst. Eine Gewissensentscheidung wird den Seel-
sorgenden in jedem Fall abverlangt. Letztlich sind Sorgen, Befürchtungen
und Ängste sehr ernst zu nehmen und sie können im Entscheidungsfall
ausschlaggebend für ein Nein sein; niemand soll gezwungen werden. Um
dennoch das Vertrauen zu stärken, das Sicherheitsgefühl zu erhöhen und
dem de facto bestehenden erhöhten Ansteckungsrisiko angemessen zu be-
gegnen, sind Informationen zur Hygiene und einschlägige Schulungen un-
verzichtbar. Nur so kann ein verantwortlich gestalteter Seelsorgedienst ge-
währleistet sein. Die konsequente Einhaltung dieser Regelungen wird in
Verbindung mit mutiger, nicht zuletzt auf Gottvertrauen beruhender Hin-
gabebereitschaft die Ausübung von Seelsorge auch unter diesen besonde-
ren Umständen ermöglichen.
„Es ist gut, wenn es auch im Covid-Bereich Seelsorge gibt!“
Die Erwägungen und Entscheidungen zur Frage von Eigenschutz und Sen-
dung intensivieren sich, wenn der Auftrag zur seelsorglichen Begleitung
von an Covid-19 Erkrankten gesucht bzw. konkret wahrgenommen wird.
Aus dem Vorbild Jesu, der nach biblischem Zeugnis beispielsweise die di-
rekte Begegnung mit an Aussatz leidenden Menschen suchte, ergibt sich
alternativlos der Anspruch an die Krankenhausseelsorge, auch für infektiö-
se Patientinnen und Patienten Ansprechperson zu sein. Dementsprechend
erfolgte ein drittes und letztes Gespräch mit dem Ärztlichen Direktor des
Uniklinikums, um die diesbezüglichen Möglichkeiten auszuloten. Die Er-
laubnis kam ebenso prompt wie überraschend: „Analog zu Konsiliardiens-
ten dürfen Seelsorgerinnen und Seelsorger auf Anforderung im Covid-
Bereich arbeiten – unter strikter Einhaltung der Hygienevorschriften, was
3.
Gerhard Hundsdorfer
304
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik