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tung einer Patientin vorgestellt werden, die im Folgenden (summarisch
zusammengefasst) beschrieben wird:
Die 69-jährige Frau K. hat in den letzten Märztagen 2020 das positive Test-
ergebnis erhalten und verbringt nun schon mehrere Wochen auf der Covid-
Normalstation. Die Symptome der Erkrankung, die nicht allzu stark ausge-
prägt waren, sind abgeklungen, als sich ein besonders zäher Kampf einstellt.
Denn zur Entlassung sind zwei aufeinanderfolgende negative Testergebnisse
erforderlich. Bei Frau K. wechseln aber negatives und positives Testergebnis
zum wiederholten Male einander ab. Die Physiotherapeutin wird auf die in-
nere Not der Patientin aufmerksam, fragt behutsam nach und bringt in Er-
fahrung, dass seelsorgliche Begleitung als hilfreich erlebt werden würde.
Ärztlicherseits wird der Erfüllung dieses Wunsches zugestimmt, die zuständi-
ge Pflegeschwester übernimmt die Kontaktaufnahme mit mir. Damit be-
ginnt ein seelsorglicher Begleitprozess, der mehrere Wochen andauert und
tägliche Besuche beinhaltet. Die spirituelle Hilfe für die Patientin bleibt im
Blick des Behandlungsteams. So erkundigen sich die diensthabenden Ärzte,
ob der Seelsorger zu Besuch kommt. Nahezu ritualisiert sprechen wir über
die Befunde, welche Hoffnung, Enttäuschung und ein immer wieder neues
Ringen um Geduld und Aushalten herausfordern. Die Sorge um die Fami-
lie, vor allem um den Ehemann, der zur Covid-Hochrisikogruppe gehört,
wächst immer weiter an. Wie kann sie mit ihm gut im Gespräch bleiben?
Wie kann sie ihm helfen? Was darf sie ihm auch zutrauen? – All diese Fra-
gen schwirren ihr im Kopf herum. Auch die Gottesfrage wirft die gläubige
Frau auf. „Was will mir Gott damit zeigen, was will er mich lehren?“, so die
Stoßrichtung ihrer Überlegungen. Lichtblicke sind für sie die mitmenschliche
Zuwendung des Klinikpersonals und die alles überbietende Geburt der Ur-
enkelin, die sie aufgrund ihrer Isolation nicht mit ihrer Familie feiern kann.
Fotos der Neugeborenen geben ihr Anteil an diesem freudigen Ereignis. Zum
Abschluss eines jeden Besuchs beten wir gemeinsam, z. B.: „Gott, bei Dir ist
das Licht, Du vergisst mich nicht …“9.
Für mich als Seelsorger sind folgende Gedanken des Jesuitenpaters Karl
Kern leitend:
Wir sind zum stillen Gebet angehalten. Stille, Einkehr, Ernstnehmen
der Verborgenheit Gottes sind angesagt. Gottes Zuwendung, sein
9 Vgl. Taizé-Lied: „Aber du weißt den Weg für mich“, in: Ateliers et Presses de Taizé,
Chants de Taizé, 139.
Gerhard Hundsdorfer
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik