Seite - 307 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Bild der Seite - 307 -
Text der Seite - 307 -
Wort begeben sich ins Schweigen. Sich im Schweigen vor Gott auszu-
halten, ist Karsamstagsgebet. Aus dem Schweigen heraus können wir
aussprechen, was uns bedrängt, wie Jesus am Ölberg. Keiner muss tap-
ferer sein als der Herr selbst. Bei allem aktiven Zugehen auf Gott heißt
es jedoch noch mehr, sich passiv in seinem Schmerz Gott zu überlas-
sen. Nicht in Ärger, Unmut oder Anklage sich verfangen und hängen
bleiben.10
Zwei Aspekte sollen zur Analyse herausgehoben werden:
Dieser Begleitprozess verdeutlicht die Möglichkeiten eines direkten Kon-
taktes im Krankenzimmer (im Vergleich zu einem Telefonat bzw. zur Vi-
deotelefonie). Trotz des obligatorischen Schutzabstandes, der zwischen
den Gesprächspartnern eine räumliche Distanz schafft, kann sich eine tie-
fere innere Nähe zwischen ihnen entwickeln. Die Patientin wird nämlich
nicht nur auf ihren Körper bzw. auf dessen Infektiosität reduziert (Ab-
stand), sondern die unmittelbare Gegenwart des Seelsorgers lässt einen
Raum für eine persönliche Begegnung entstehen, in der die Patientin sich
von innen her öffnen kann (Nähe). Dies wird wesentlich dadurch ermög-
licht, dass der Seelsorger einerseits ihre in Worte gefassten Gedanken hört,
sie andererseits aber auch in ihrem leiblichen Ausdruck (Blicke, Bewegun-
gen und Gebärden) wahrnimmt und schließlich zu beidem in Resonanz
tritt. Mit anderen Worten: Es bedarf der Präsenz, der spürbaren Anwesen-
heit des Seelsorgers als Voraussetzung für das Sich-Öffnen der Patientin
und damit für eine neue Qualität der Begegnung. Denn „wenn der
Mensch sich von innen her öffnet, dann ereilt ihn die Begegnung wie eine
Berührung auf der Haut“11. Für die „spirituelle Verarbeitung“ der belasten-
den Krankheitssituation spielt das Gebet, der ritualisierte Abschluss der
täglichen Begegnungen, eine wichtige Rolle. Als Trialog mit Gott fasst es
in Sprache, was sich in der Begegnung gezeigt hat. Es will Gott das ab-
schließende Wort geben und damit den Blick auf seine Gegenwart und sei-
ne heilend-verwandelnde Kraft weiten. Oft wurde das vom Seelsorger ge-
sprochene Gebet durch ein Nicken der Patientin bestätigt. Für sie ist es der
Höhepunkt des Besuchs, der alles auf den Punkt bringt und in den Mittel-
punkt ihres Lebens rückt, der für sie Gott ist. Das lässt den Schluss zu, dass
die unmittelbare Begegnung von Angesicht zu Angesicht auch die Mög-
lichkeit gemeinsamen Betens als „Resonanzereignis“12 schafft, das auf seine
10 Kern, Mittwoch der Karwoche, 2.
11 Vasseur/Bündgens, Spiritualität der Wahrnehmung, 267.
12 Peng-Keller, Gebet als Resonanzereignis, 7.
„Unsere täglichen Besuche gib uns heute …“ Krankenhausseelsorge und Besuchsverbot
307
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
zurück zum
Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik