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Das Wortpaar ausatmen – einatmen aus Erich Frieds Gedicht Aufhebung
formuliert sehr schön, was Seelsorge anbieten kann: einen Raum, um at-
men zu können. Das Buch Genesis beschreibt auf den ersten Seiten der Bi-
bel das Entscheidende, das den Menschen zum Menschen macht, als den
göttlichen Lebensatem, der dem Adam, dem Wesen aus Ackererde, einge-
haucht wird. In allen alten Sprachen ist das Wort für Atem und für Geist
dasselbe: hebräisch ruach, griechisch pneuma, lateinisch spiritus. Atman be-
deutet in der indischen Philosophie so viel wie Seele, bezeichnet also das
Göttliche selbst. Geistliche Begleitung ist demnach die Unterstützung von
Menschen, die in Krisenzeiten besonders herausgefordert sind, sich auf die
wesentlichen menschlichen Existenzbedingungen zu konzentrieren. Seel-
sorge hat den Auftrag, Räume zur Verfügung zu stellen, in denen ihnen
der göttliche Lebensatem neu bewusst wird, der sie antreibt, motiviert,
den rechten Weg erkennen lässt, so dass ihnen die sprichwörtliche Luft
nicht ausgeht.
Was es bewirkt, diesen Lebensatem neu zu entdecken, beschreibt ein
Vers im zweiten Brief des Apostels Paulus an seinen Mitarbeiter Timo-
theus. Dort heißt es: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben,
sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,6f)
Seelsorgliche Begleitung bietet einen Raum der Be-SINN-ung, um die
möglicherweise verlorene Besonnenheit wiederzugewinnen. Das Thema
Sinnfindung ist in unübersichtlichen Zeiten besonders brisant, dazu ist ein
Gegenüber hilfreich, mit dem Sinnperspektiven erörtert werden können.
Aus der Notfallseelsorge ist der Grundsatz geläufig, dass in Zeiten starker
Verunsicherung zunächst einmal Ruhe und Struktur notwendig sind, um
in dem heillosen Durcheinander wieder sinnvolle nächste Schritte zu er-
kennen. Auf diese Weise wird es möglich, eigene Kräfte zu reaktivieren, die
manchmal schwer aufzubringende Liebe zu den anvertrauten Personen zu-
mindest als „Pro-Existenz“ (Einsatz für) zu begreifen und schließlich in der
Aufregung der bedrängenden Situation erst dreimal tief durchzuatmen,
bevor möglicherweise nicht genügend durchdachte Entscheidungen ge-
troffen werden.
„Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen“ (H. Domin) – Plädoyer für eine
Aufwertung durch mehr Ansehen
Entscheidend für eine gute seelsorgliche, lebensförderliche Begleitung ist
es, vor jeglicher Intervention oder gar einem Rat zu sehen, was ist, und zwar
nicht nur die Situation oder den „Fall“, sondern in erster Linie den Men-
schen, der Unterstützung benötigt. In einem Gedicht der deutschen Lyri-
2.
Christoph Seidl
316
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik