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Aus der Ehe-, Familien- und Lebensberatung war die Klage zu verneh-
men, dass es schier unmöglich sei, mit Paaren gleichzeitig per Telefon zu
kommunizieren – das wäre aber grundlegend für Beratungsprozesse. Denn
es ist von Bedeutung, wie ein Partner reagiert, wenn er in Anwesenheit ei-
nes Dritten vom anderen Dinge hört, die er eventuell so noch nicht gehört
hat oder bisher nicht hören wollte.
Auch der Blickkontakt im Kollegenkreis der Beratungsstelle war stre-
ckenweise nicht mehr möglich. Beim Aufenthalt im Homeoffice konnte
man sich in Pausen nicht kurz zwischen Tür und Angel austauschen. Die-
ser Austausch ist jedoch ein wichtiges Moment von Selbstsorge. Es tut ein-
fach gut, gemeinsam durchatmen zu können, auch mal kurz übers Wetter,
das geplante Konzert oder auch ein persönliches Familienthema sprechen
zu können. Eine Beraterin sagt:
„Ich bin meinen eigenen Gedanken so ausgeliefert, wenn da kein Korrektiv
da ist (nicht mal am Stammtisch), da wird man sonst nämlich schnell wie-
der eingenordet. Aber wenn ich dauernd mit mir und meinen Klienten allei-
ne bin, dann geht das an die Substanz.“
Aus der Beratungsstelle für seelische Gesundheit wurde folgende Beobach-
tung geschildert:
„Mittlerweile machen mir die Blüten Angst, die das Ganze treibt. Mit den
‚normalen‘ Zwangs- und Angststörungen können wir ja umgehen. Aber mo-
mentan verstärken sich diese Auffälligkeiten und es kommt zu absolut ab-
surden Reaktionen. Verschwörungstheorien sind das eine, aber manche ti-
cken so aus, dass sich auch unser Empathievermögen in Grenzen hält.“
Unterschiedliche Beratungsdienste berichten übereinstimmend vom Über-
lagern der an sich schon komplexen Problemlagen mit den wirtschaftli-
chen Sorgen und den vielfachen Ängsten, die die Kontaktverbote auslösen
können. Manche Klienten, die unter Normalbedingungen schon schwer
am Leben zu tragen haben, sehen sich durch zusätzliche Regeln um ihre
Freiheitsrechte betrogen und reagieren bisweilen unverhältnismäßig hef-
tig.
DANKE allein genügt noch nicht – Auf-Wertung ist notwendig
„Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen!“ Das gilt für die Patienten und Klien-
ten ebenso wie für die Helfenden. Aber genau an dieser Stelle macht die
Corona-Krise etwas Trauriges deutlich: die helfenden Berufe leiden unter
2.3 „Sein Unglück ausatmen können“. Hilfe für die Helfenden
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik