Seite - 320 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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normalen Bedingungen schon unter einem beträchtlichen Mangel an An-
sehen. Wenn nun auch noch das – ganz wörtlich verstandene – Ansehen
der eigenen Klientel fehlt, dann bricht tatsächlich ein Kernstück des
Selbstwertgefühls weg.
Paradoxerweise hilft es auch nicht, dass nun von verschiedenen Seiten
die Pflege und die Kriseninterventionsdienste plötzlich als systemrelevant
bezeichnet werden und z. B. eine Sonderprämie von 500 Euro für eine
Pflegeperson in Aussicht gestellt wird. Gleichzeitig wird natürlich auch ge-
fragt, woher das Geld dazu kommen soll (bei Prämien für Autokäufe wird
diese Frage seltsamerweise nicht gestellt). Vor kurzem wurde noch disku-
tiert, dass 30 Prozent aller Kliniken in Deutschland wegzurationalisieren
wären, plötzlich werden zu Rehaeinrichtungen umfunktionierte alte Kran-
kenhäuser wieder zu Corona-Zentren umgerüstet. In dieser Zeit gab es
mehrere Vorstöße von Interessensverbänden, die Pflege und andere helfen-
de Berufe über die Krise hinaus wieder nachhaltig aufzuwerten. Ebenso ge-
rieten die Einrichtungen der Altenhilfe massiv in den Fokus, die öffentli-
che Aufmerksamkeit war verstärkt auf menschenwürdige Zustände ausge-
richtet. Man darf gespannt bleiben, wer sich nach der Krise noch an all die-
se Themen erinnern wird. Es wird deutlich, dass Krankenhäuser sowie
Alten- und Pflegeheime nicht gut Wirtschaftsunternehmen sein können,
die sich selbst finanzieren bzw. Gewinn erzielen müssen. Es geht um die
Frage, welches Ansehen den Menschen zukommen soll, die diese Systeme
tragen – nicht einmalig, sondern dauerhaft. An der Frage, mit welchen Au-
gen kranke und pflegebedürftige Menschen gesehen werden, entscheidet
sich auch die Ernsthaftigkeit, mit der die Diskussion um die Menschen-
würde verbunden ist. Sie beginnt nicht erst bei der Verfügbarkeit eines Be-
atmungsgerätes für einen COVID-19-Patienten, sondern bei der Wertschät-
zung von Menschen in Gesundheits- und Sozialberufen.
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“3 (F. Hölderlin) –
Rückenwind für die kategoriale Seelsorge
Die Zeit der starken Beschränkungen des öffentlichen Lebens hat der Seel-
sorge und den Sorgebeziehungen viel abverlangt. Aber es ist zugleich et-
3.
3 Das Zitat stammt aus der 1803 vollendeten Hymne Patmos von Friedrich Hölder-
lin. Das Gedicht ist nach der griechischen Insel Patmos benannt, die als Entste-
hungsort der biblischen Offenbarung des Johannes gilt. Sie ist eine Trost- und
Hoffnungsschrift für Christen in der Verfolgungssituation des Römischen Reiches
und kennzeichnet zugleich die apokalyptische Krisensituation.
Christoph Seidl
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik