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ganz persönlich finden lässt, ist unter schwierigen Bedingungen außeror-
dentlich hoffnungsvoll, selbst wenn noch nicht greifbar ist, wohin die Kri-
se schließlich führen wird. Viktor E. Frankl hat seine Überlegungen im-
merhin selbst unter furchtbarsten Bedingungen im Konzentrationslager
bestätigt gefunden. Seine schweren und doch hoffnungsstiftenden Er-
kenntnisse aus dieser Zeit sind in seinem Buch … trotzdem Ja zum Leben
sagen11 dargelegt. Dieser Titel ist auch bezeichnend für den Hoffnungs-
dienst von Seelsorge.
Liebe: „Es ist was es ist“ (E. Fried)
Liebe ist ein strapaziertes Wort. Im paulinischen Zusammenhang
(1 Kor 13) stehen nicht die Emotionen im Vordergrund. Vielmehr ist eine
innere Zustimmung zu einem Menschen oder einer Situation gemeint,
selbst wenn es Gründe gibt, die den Menschen oder die Situation unlieb-
sam erscheinen lassen. Paulus schreibt: Liebe „erträgt alles, glaubt alles, hofft
alles, hält allem stand“ (1 Kor 13,7). Man könnte mit einem anderen Begriff
vielleicht sagen: Liebe ist die Kunst, etwas gut sein zu lassen. Der oben be-
reits zitierte Erich Fried bringt es in seinen sehr eingänglichen Zeilen auf
den Punkt: „Es ist was es ist / sagt die Liebe.“12 Dazu gehört letztlich auch die
Unverfügbarkeit des Lebens samt seiner Zerbrechlichkeit und Sterblich-
keit. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat als einer der ganz Weni-
gen öffentlich auf dieses Thema hingewiesen:
„Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutre-
ten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Wenn
es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist
das die Würde des Menschen.“ Die Würde des Menschen sei unantastbar.
Das schließe aber nicht aus, „dass wir sterben müssen“.13
3.2.3
11 Siehe Frankl, …trotzdem Ja zum Leben sagen.
12 Fried, Was es ist, 43.
13 Schäuble, zit. nach Hummler, Im Tod ist das Leben, 235. Der Krankenhausseel-
sorger Georg Hummler kritisiert, dass solche Worte von Seiten der Kirche kaum
zu hören waren. Er schreibt weiter: „Die Corona-getriebene existenzielle (To-
des-)Angst vieler Menschen bedarf einer öffentlichen religiösen Deutung so drin-
gend wie kaum zuvor. Die Hochleistungsmedizin erfährt den Tod als Entmach-
tung ihrer Machbarkeitsvorstellungen. Ja, dadurch wird manche medizinische
Selbstüberschätzung schwer getroffen. Als Klinikseelsorger habe ich die Not der
Ärzte und der Pflegekräfte erlebt, wenn sie dem Diktat der Todesverhinderung
um jeden Preis nicht entkommen konnten.“ (Ebd.).
Christoph Seidl
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik