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Ist die Corona-Krise relevant für den Diskurs?
Die Covid-19-Pandemie ist ein medizinisches Ereignis, das gleichzeitig mit seiner
Globalisierung zum „Shutdown“ aller Gesellschaftsbereiche führt, die nicht als
„systemrelevant“ gelten. Kriterien für die Systemrelevanz ergeben sich aus dem
dominierenden virologisch-epidemiologisch bestimmten Covid-19-Diskurs, dem
sich alle gesellschaftlichen Bereiche, auch nicht-systemrelevante, unterordnen.
Covid-19 bildet also einen eigenen, ausschließlichen und ausschließenden Mega-
Diskurs, der nach und nach ergänzt wird durch argumentatives Erstreiten von
Ausnahmeregelungen (z. B. bei unmittelbar bevorstehendem Tod, der nicht „auf-
schiebbar“ ist) und die Debatte über „Exit-Strategien“. Derartige Ausnahmen be-
stätigen die herrschende Diskurs-Regel, die sich selbst durch Diskurs-
Verknappung sowie Ausschluss von Themen und Sprechenden stabilisiert.
Es ist inzwischen Routine, muss deshalb in Erinnerung gerufen werden:
Covid-19, also ein medizinisches Thema, eine Entität genetischer Informa-
tion, die ohne Wirt nicht lebensfähig ist, hat sich zur bleibenden Schlag-
zeile, zum dominierenden Diskurs-Initiator entwickelt. Andere, viel häufi-
gere Krankheits- und Todesursachen, soziale Spannungen, Kriege, Flucht
und Vertreibung, nicht zuletzt die Klimakrise: All dies tritt in den Hinter-
grund. Die Pandemie führt zum Covid-19-Monolog.
Pastoralmacht der Politiker und Ärzte
Foucault (1979/1981) prägt den Begriff „Pastoralmacht“, indem er das biblische
Motiv der Sorge des guten Hirten säkularisiert und auf individualisierte Überwa-
chung des Seelenheils, von Leib und Leben der „Schafe“ anwendet. In der Medi-
zin prägt das pastorale Prinzip die therapeutische Beziehung (Rose 2001) und
den epidemiologischen sowie gesundheitspolizeilichen Datenaustausch (Cooper
2019).
Chassé-croisé nennt man im Französischen den gekreuzten Wechselschritt
im Tanz, im übertragenen Sinn die Ablösung einer Gruppe durch ihre
Nachfolger am selben Ort, z. B. die Übernahme von Hotelzimmern, die
zuvor von den Abreisenden bewohnt wurden, durch ankommende Gäste.
Ein derartiges chassé-croisé ist gegenwärtig zwischen Ärzten und Seelsorgen-
den zu beobachten: Die Ärzte sind (im Verein mit den Politikern) die neu-
en Hirten, die sich um das Seelenheil der Herde sorgen, während die bis-
herigen Hirten sich restlos dem medizinischen Modell unterordnen und
allenfalls darum kämpfen, von der Pastoralmacht als „notwendig“ zu Pati-
2.
3.
Eckhard Frick SJ
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik