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enten und Mitarbeitenden vorgelassen zu werden. Freilich ist der „Tanz“
noch nicht zu Ende. Nicht nur Afrika, sondern auch Europa braucht „Spi-
ritual Brokers“ (Winiger 2020), die zwischen der biomedizinischen Sphäre
und der spirituellen vermitteln.
Biopolitik als Perfektionierung des Panoptismus
Foucault (1975/1994) verknüpft das Panopticon (Bentham 1791) als Symbol
der idealen Überwachung in Gefängnissen, Krankenhäusern, Schulen usw. mit
Modellen der Seuchen-Bewältigung. Nicht mehr der einzelne Aufseher bewacht
(mit Argusaugen) eine Vielzahl von Parzellen. Vielmehr perfektioniert und de-
mokratisiert sich das „Auge des Gesetzes“ zu einer potenziell ständigen gegensei-
tigen Sichtbarkeit und Kontrolle (Synoptismus). Die molekulare Biopolitik (Rose
2007) mit ihrem Zugriff auf Big Data, Mobilitäts-Tracking und Genom-
Kartierung bringt den Panoptismus zum Exzess alltäglicher Routine.
Foucault schildert die Überwachung in Seuchen-Zeiten: Durch Parzellie-
rung werden alle in die eigenen Wohnungen eingeschlossen. „Herausge-
hen wird mit dem Tode bestraft. […] Wer sich rührt, riskiert sein Leben:
Ansteckung oder Bestrafung“ (Foucault 1975/1994, 251). Modellgebend
sind die Pest und die Lepra: „Im Hintergrund der Disziplinierungsmodelle
steht das Bild der Pest für alle Verwirrungen und Unordnungen, wie das
Bild des Aussatzes hinter den Modellen der Ausschließung steht“ (Fou-
cault 1975/1994, 255).
Wir haben es also mit zwei entgegengesetzten Bildern von Disziplin zu
tun: auf der einen Seite die Disziplin als Blockade, als geschlossene An-
stalt, die innerhalb bestimmter Grenzen auf negierende Funktionen
ausgerichtet ist: Bannung des Übels, Unterbrechung der Beziehungen,
Aufhebung der Zeit. Auf der anderen Seite die Disziplin als panopti-
scher Betrieb, als Funktionszusammenhang, der die Ausübung der
Macht verbessern, d. h. beschleunigen, erleichtern, effektiver machen
soll: ein Entwurf subtiler Zwangsmittel für eine künftige Gesellschaft
(Foucault 1975/1994, 269).
Näher an unserer Realität als das Pest/Lepra-Modell ist das Modell der Po-
ckeninfektion (Sarasin 2020). Es basiert darauf,
[…] dass die Macht den Traum aufgibt, die Pathogene, die Eindring-
linge, die Krankheitskeime vollständig auszumerzen, die Gesellschaft
»in die Tiefe« hinein zu überwachen und die Bewegungen aller Indivi-
4. Verändert Covid-19 unsere Konzeption von Spiritual Care?
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik