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Menschen als dem „noch nicht festgestellten Thier“ (Nietzsche) offenzuhalten:
Leiblichkeit, Seele, Beziehungsfähigkeit, Spiritualität, Transzendenzverwiesen-
heit.
Der späte Foucault wendet sich dem Begriffsfeld Spiritualität/Sorge (souci)
zu:
Philosophie: « Denkform, die sich danach befragt, was es dem Subjekt
erlaubt, einen Zugang zur Wahrheit zu haben, […] die versucht, die
Bedingungen und Grenzen des Wahrheitszuganges des Subjekts zu be-
stimmen ».
Spiritualität: « die Suche, Praxis, Erfahrung, durch die das Subjekt bei
sich selbst die nötigen Transformationen vornimmt, um Zugang zur
Wahrheit zu erlangen » (Foucault 2001, 17).
Hatte er früher die unterwerfenden, disziplinierenden Aspekte christlicher
Spiritualität und Seelenführung (im Unterschied zur sokratischen Selbst-
sorge: epiméleia heautû) betont, so macht er sich nun den Begriff der Spiri-
tualität zu eigen, die er folgendermaßen charakterisiert: Die Wahrheit wird
nicht durch eine eigenständige Erkenntnisanstrengung des Subjekts er-
langt, sie muss dadurch „bezahlt“ werden, dass das Subjekt sich bekehrt
(conversion) und wandelt (transformation).
1. Eros und Askese: Das Subjekt wird aus seiner aktuellen Verfasstheit
herausgerissen und emporgehoben (Eros: Liebe). Die Wandlung ge-
schieht ferner durch Arbeit an sich selbst (Askese).
2. Durch den Zugang zur Wahrheit wird das Subjekt selbst verwandelt
(effets « de retour » de la vérité sur le sujet).
Ausblick: Was wir durch Covid-19 gelernt haben werden
Am (ungewissen) Ende wird die Corona-Krise ein globales Ungewissheits-
Experiment gewesen sein. Dies schließt durchaus die Träger von Macht und Wis-
sen ein, die mitten in unabgeschlossenen Erkenntnisprozessen Empfehlungen
und Anordnungen geben, im Übrigen aber, wie alle anderen, „auf Sicht fahren“.
So viel ist sicher: Ungewissheit wird der Menschheit ebenso erhalten bleiben wie
die Bedrohung durch Viren und andere mikrobiologische Erreger sowie eine Viel-
zahl pathogener Einflüsse. In einer Zeit, in der sich Institutionen „immun“ ge-
genüber der Spiritualität erweisen, wird Spiritual Care den Subjekten besondere
Aufmerksamkeit geschenkt haben, wohl wissend, dass die neue spirituelle Kultur
der Gesundheitseinrichtungen mehr ist als die Summe der Individuen.
8. Verändert Covid-19 unsere Konzeption von Spiritual Care?
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik