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Der Soziologe Rudolf Stichweh prophezeit, das „System der Religion
könnte sich als der eigentliche Verlierer der Corona-Krise erweisen“4, spiel-
ten doch religiöse Deutungsversuche für die durch Covid-19 ausgelösten
Krise abseits binnenkirchlicher Milieus keine relevante Rolle mehr. Der
Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd
Landsberg, hält dagegen. Die Kirchen seien „im wahrsten Sinne des Wor-
tes systemrelevant“, stünden sie doch gemeinsam mit den Kommunen an
vorderster Front bei der Eindämmung der Pandemie und ihrer Folgen.5
Allerdings muss man unterscheiden: Die kirchliche Diakonie als Teil
des Sozialstaates und des Gesundheitswesens ist tatsächlich weiter system-
relevant, wenn man nur an Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in
kirchlicher oder diakonischer Trägerschaft denkt. Offenbar gilt das aber
nicht mehr in gleicher Weise für die Kirchen selbst. Und worin die Christ-
lichkeit oder gar Kirchlichkeit heutiger Diakonie besteht, ist bis in das Ar-
beitsrecht hinein umstritten. Der Glaube, ohne die Kirchen sei letztlich
kein Staat zu machen, weil seine moralischen und weltanschaulichen Vor-
aussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, auf christlich-
zivilreligiösem Fundament ruhen, erweist sich als brüchig.
Statt sich gegen den Verlust als Systemrelevanz zu stemmen oder ihn
kulturpessimistisch zu beklagen, sollten sich die Kirchen jedoch fragen, ob
Systemrelevanz überhaupt zu ihrem Wesenskern gehört, wenn jetzt selbst
Schlachthöfe mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen behaupten,
systemrelevant zu sein. Vergessen wir nicht, dass der Begriff Karriere in der
Bankenkrise 2008 machte, als es um die Rettung von Geldinstituten ging,
die als „too big to fail“ galten. Systemrelevanz ist ein fragwürdiges Gütesie-
gel.
Nach biblischem Zeugnis ist es nicht die primäre Aufgabe der Kirche,
bestehende gesellschaftliche Systeme zu stabilisieren. Schon gar nicht,
wenn sie die Menschenrechte missachten, das Ungleichgewicht zwischen
Arm und Reich verschärfen und die Ausbeutung von Mensch und Natur
vorantreiben, wie der evangelische Theologe Frank Vogelsang zu beden-
ken gibt.6
In der Corona-Krise besteht nicht nur ein Bedarf an ethischer Orientie-
rung, sondern auch an religiöser Orientierung und Sinngebung. Schließ-
lich lebt der Mensch nicht vom Brot allein, und ein als sinnvoll erfahrenes
Leben geht nicht im puren Überleben und medizinischer Versorgung auf.
4 Stichweh, An diesem Imperativ kann die Politik scheitern.
5 Vgl. Landsberg: Hätte mir Öffnung der Kirchen früher gewünscht.
6 Vgl. Vogelsang, Sind Kirchen systemrelevant?.
Ethik in Zeiten von Corona. Eine diakonisch-ethische Perspektive
345
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik