Seite - 349 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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sorgung gewährleisten. Aber Menschen werden weiter auch an Corona
sterben.“14 Diese Sätze sind nicht in einem utilitaristischen Sinn zu verste-
hen. Sie weisen aber zu Recht auf eine Grundaporie moderner Medizin
und staatlicher Gesundheitsvorsorge hin.
In der nun eingetretenen Phase der Pandemie, in der massiv Lockerun-
gen der Maßnahmen gefordert werden und auch der politische Streit über
den richtigen Weg an Schärfe gewinnt, entsteht folgendes Problem: Die
Eigenverantwortung wird in erster Linie für das persönliche Leben gese-
hen und nicht mehr gleich in starkem Maße für die Gemeinschaft und das
Gemeinwohl. Dabei könnte man ja sagen, es ist in wohlverstandenem Ei-
geninteresse, sich auch solidarisch zu zeigen.15
Die Grenzen meiner Freiheit und meines Rechtes auf für mich riskantes
und möglicherweise selbstschädigendes Verhalten sind dort erreicht, wo
mein Verhalten andere Menschen in Gefahr bringt. Auch ist zu bedenken,
dass wir in der heutigen Gesellschaft gerade um unserer freiheitlichen Le-
bensführung willen auf einen starken Sozialstaat und ein funktionierendes
Gesundheitswesen angewiesen sind. Um ein funktionsfähiges Gesund-
heitssystem aufrecht zu erhalten und damit die einzelnen Krankenhäuser
und Pflegeeinrichtungen funktionsfähig bleiben, sind Einschränkungen
der individuellen Freiheit nicht nur rechtlich, sondern auch ethisch zuläs-
sig. Es ist aber je nach Verlauf der Pandemie die Verhältnismäßigkeit sol-
cher Einschränkungen zu überprüfen und zu korrigieren.
Menschenwürde und das Recht auf Leben gehören unmittelbar zusam-
men. Während das Recht auf Leben ursprünglich als Abwehrrecht gedacht
ist, hat es sich aufgrund des medizinischen Fortschritts immer mehr zu
einem Teilhaberecht gewandelt. Recht auf Leben bedeutet nun auch den
Anspruch des Individuums auf eine optimale Gesundheitsversorgung. Ge-
sundheit ist ein Individualrecht und individuelles Gut. Im Fall des Seu-
chenschutzes wird sie aber auch als überindividuelles Gut verstanden. In
welchem Ausmaß aber kann Gesundheit als Kollektivgut rechtlich und
ethisch definiert werden? Als individuelle Abwehrrechte schließen Grund-
rechte wie das Recht auf Leben und das Recht auf Privatsphäre nicht nur
den Schutz vor Angriffen oder Übergriffen Dritter, sondern auch den
14 Tagesspiegel, Schäuble will dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen.
15 Dieser Gesichtspunkt spielt auch in der Diskussion zum Contact Tracing und zur
Frage, ob dafür geeignete Apps auf freiwillige Basis genutzt oder, wie in einigen
asiatischen Ländern, gesetzlich vorgeschrieben werden sollen. Vgl. dazu Schwei-
zer Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, Contact Tracing als
Instrument der Pandemiebekämpfung; siehe dazu auch den Beitrag von Brühwil-
ler/Romagnoli/Strub in diesem Band.
Ethik in Zeiten von Corona. Eine diakonisch-ethische Perspektive
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik