Seite - 353 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Die Pandemie führt den Menschen ihre Verletzlichkeit und Endlich-
keit, auch die Verletzlichkeit einer hochkomplexen Gesellschaft und ihrer
sozialen Systeme, vor Augen. Menschen suchen nicht nur nach praktischer
Hilfe, sondern auch nach Halt und Trost. Ohne es immer so direkt auszu-
sprechen, sehen sich doch viele Menschen nun mit der Frage konfrontiert,
was ihr einziger Trost im Leben und im Sterben ist (Heidelberger Kate-
chismus, Frage 1). Das fragen sich nicht nur Kranke oder Sterbende und
ihre Angehörigen, sondern auch die Angehörigen der Gesundheitsberufe,
die in Zeiten von Corona besonderen Belastungen ausgesetzt sind.
Sterben in Zeiten von Corona
In der Phase des Lockdown sind die Eigentümlichkeiten und Mängel heu-
tiger Sterbekultur besonders krass zutage getreten. Schon vor Jahrzehnten
hat der Soziologe Norbert Elias die Einsamkeit der Sterbenden in der mo-
dernen Gesellschaft beschrieben.22 Dominiert der epidemiologische Blick
das Handeln in der Corona-Krise, nimmt die Einsamkeit der Sterbenden
auf Intensivstationen und in Pflegeeinrichtungen zu. Im Kampf gegen die
Pandemie droht bisweilen aus dem Blick zu geraten, dass wir alle einmal
sterben müssen, ob mit oder ohne Corona.
Der Umgang mit dem Tod ist hochgradig paradox. Er ist Thema, wird
aber gleichzeitig kaschiert. Einerseits steht außer Frage, dass alle Menschen
sterben müssen. Die Medizin mag noch so große Fortschritte machen, am
Ende beträgt die Todesrate doch immer hundert Prozent. Der Tod zur Un-
zeit soll aber vermieden werden. Der natürliche Tod ist in Wahrheit je-
doch eine Utopie. Es herrscht die Vorstellung vor, die Menschen sollten
möglichst alle ein hohes Alter erreichen und erst nach einem langen, er-
füllten Leben sterben. Man wünscht sich den Tod als friedliches Erlö-
schen, das die Gesellschaft dann auch nicht mehr berührt. Der französi-
sche Historiker Philippe Ariès hat diese Idee als den „verwilderten Tod“
und fragwürdigen Versuch charakterisiert, „den Tod mit dem Glück zu
versöhnen“23. In der Corona-Krise wurde der Tod hingegen als Feind und
Drohung inszeniert: „Bald“, so sagte der österreichische Bundeskanzler
Kurz, „wird jeder einen Menschen kennen, der an Corona gestorben ist.“
7.
22 Siehe Elias, Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen.
23 Ariès, Geschichte des Todes, 789; vgl. dazu ausführlich Körtner, Bedenken, daß
wir sterben müssen, 11–31.
Ethik in Zeiten von Corona. Eine diakonisch-ethische Perspektive
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik