Seite - 355 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Bild der Seite - 355 -
Text der Seite - 355 -
Beispielsweise lässt sich zur Forderung nach höherer Wertschätzung der
Pflegefachkräfte rasch ein Konsens erzielen. Und natürlich ist es richtig,
dass Anerkennung nicht nur durch öffentlichen Applaus, sondern auch
durch bessere Bezahlung zum Ausdruck gebracht werden muss. Solang
aber unklar bleibt, wer die Mehrkosten für höhere Löhne tragen wird, sind
Beschlüsse des Gesetzgebers, die Gehälter anzuheben, fragwürdig. Struktu-
relle Probleme in der stationären und ambulanten Pflege und insbesonde-
re im Bereich der Altenhilfe lassen sich auch nicht allein mit Lohnerhö-
hungen lösen. Es braucht vor allem mehr Personal und Dienstpläne, die
für die Pflege und Betreuung des einzelnen Patienten mehr Zeit vorsehen.
Damit sind wir wieder bei den oben angesprochenen Allokationsfragen.
Letztendlich müssen alle Bürgerinnen und Bürger mit ihren Steuergel-
dern für die Kosten des Lockdowns und der weiteren Bekämpfung der
Corona-Pandemie aufkommen. Es ist zu hoffen, dass der Diskurs über
Weichenstellungen nicht von wenigen Experten, sondern wieder öffent-
lich und transparent geführt werden wird. Hier sind auch Diakonie und
Caritas als Stakeholder im Gesundheitswesen und sozialpolitische Akteu-
rinnen gefragt. Nach dem Ende des Lockdowns ist eben nicht mehr allein
die Stunde der politischen Exekutive, aber auch nicht nur die Stunde der
Parlamente, sondern es braucht jetzt auch die Zivilgesellschaft.
Eine lebendige und freiheitliche Demokratie kann ohne Zivilgesell-
schaft nicht bestehen. Ohne sie wird auch die Corona-Krise nicht zu be-
wältigen sein. In den Beraterstäben des österreichischen Gesundheitsminis-
teriums und des Bundeskanzlers sitzen bislang keine Experten für Religi-
on. Zwar gab es Gespräche zwischen Regierung und Vertretern der Religi-
onsgemeinschaften, aber doch nur, um diese über die von der Regierung
beschlossenen Maßnahmen zu informieren und ihre Zustimmung und
Unterstützung zu erbitten. Das kann auf die Dauer nicht genügen. Das
Covid-19-Virus wird nicht wieder verschwinden wie ein Wintersturm, son-
dern es ist gekommen, um zu bleiben. Wir werden lernen müssen, mit
ihm zu leben, auch wenn es irgendwann einmal wirksame Medikamente
und einen Impfstoff gegen Covid-19 geben sollte. Und dabei ist nicht nur
medizinische oder statistische Expertise gefordert, sondern auch soziologi-
sche, sozialpsychologische und kulturwissenschaftliche, aber auch theolo-
gische Expertise.
Welche Rolle Kirchen und Theologie im politischen Krisenmanage-
ment spielen und wie sie sich an den Debatten über die Ursachen, die Fol-
gen und Lösungsmöglichkeiten für die Corona-Krise beteiligen, sind nicht
allein religionssoziologische und sozialethische Fragestellungen, sondern
Ethik in Zeiten von Corona. Eine diakonisch-ethische Perspektive
355
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
zurück zum
Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik