Seite - 363 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Ein existentieller Sinn in der Corona-Krise könnte also darin bestehen,
sich den unausweichlichen Gegebenheiten menschlicher Existenz zu stel-
len und sie kreativ und stimmig in ein Leben angesichts des Todes zu inte-
grieren. Macht hierfür der Glaube an Gott einen Unterschied?
Menschliche Sinnsuche und göttliche Sinngebung
Irvin Yalom glaubt nicht an Gott; für ihn ist mit dem Tod alles vorbei10.
Zeit seines Lebens könne der Mensch kreativ mit den existentiellen Span-
nungen leben, ohne sie vermessen auflösen zu wollen, aber auch ohne an
ihnen verzweifeln zu müssen. Christen dagegen glauben an einen guten
Gott, den Schöpfer, Begleiter und Vollender der Welt; und an ein „Leben
in Fülle“ (vgl. Joh 10,10), mit Überwindung der beschriebenen vierfachen
Spannung menschlicher Existenz, auf die uns Krankheiten und Krisen sto-
ßen:
Wer an die Auferstehung Jesu glaubt, lebt von der Hoffnung, dass unser
Leben nicht durch den Tod in ein Nichts hinein beendet, sondern von
Gott endgültig bewahrt und vollendet wird. Auch für Christen gehört wie
bei Yalom die Freiheit zum Wesen des Menschen; nur ist der Mensch als
Ebenbild Gottes dazu berufen, sich frei auf ihm angemessene Weise in
eine gute Schöpfungsordnung einzubringen, eine Ordnung der Liebe. Es
geht um ein Miteinander und Füreinander, das uns zu Menschen macht;
denn wir werden erst am Du zum Ich (Buber). Der Glaube daran, dass die
Welt nicht durch Zufall entstanden ist, sondern aus Liebe und für „das
Spiel der Liebe“ geschaffen wurde, gibt dem Leben einen Sinn, für den es
sich zu leben und auch zu sterben lohnt. Darum reicht Jesu Hauptgebot
der dreifachen Liebe als Lebensmaxime aus: „Liebe Gott und liebe Deinen
Nächsten wie dich [bzw. und dich] selbst.“
Leid, Schmerz und Tod lassen den Menschen spüren, dass die Welt sei-
ne Sehnsucht nach bleibender Liebe nicht stillen kann, sondern dass er
vielmehr darauf angewiesen ist, eine Erfüllung von woanders her zu erhof-
fen. Existentielle Krisen stellen uns neu vor die Entscheidung, ob wir wei-
terhin „an die Liebe glauben“ wollen (bzw. können?). Zu den Tücken des
Schmerzes gehört jedoch unter anderem, dass er das Gefühl der Verbun-
denheit mit anderen, mit anderem attackiert: wer krank ist, kreist stark um
sich und sein Kranksein. Diese Fixierung auf die eigene bedrohliche Situa-
tion ist auch in Zeiten von Corona zu beobachten – das gilt für Einzelne
2.
10 Vgl. z. B. Yalom, In die Sonne schauen, 193f.
Das Virus, der sterbliche Mensch und Gott
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik