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wie für Gruppen bis hin zu gesellschaftlichen Milieus oder Nationen. Wel-
che Größe zeigen dagegen Menschen, die trotz ihres Leidens sich nicht auf
sich selbst konzentrieren, sondern sich auf andere einlassen, an der Liebe
festhalten – und an einer Hoffnung jenseits ihrer Möglichkeiten, trotz al-
lem.
Sinn durch Gott und die Frage nach dem Warum des Widersinns
Der Glaube an Gott enthält eine Hoffnung für die existentielle Sehnsucht
des Menschen nach Leben angesichts des Todes, nach Heimat und Ord-
nung, nach Teilhabe und Liebe, nach umfassendem Sinn; so weit, so gut.
Doch warum all das schmerzende Leid?
So fragen Gläubige und Skeptiker auch in Zeiten von Corona, wie
schlimme Übel zu einem guten Gott passen. Und wenn wir sie auch hier
nicht lösen können, so lassen sich immerhin unangemessene Antworten
als unter unserer – und Gottes – Würde ausschließen. Einige Erklärungen,
die mit Gott operieren, gehen darüber hinweg, wie übel manches Leid ist:
Ein erster religiöser Erklärungsversuch für die Pandemie lautet: „Gott
hat das Corona-Virus geschickt!“ Wer das behauptet, sieht im Virus viel-
leicht Gottes Strafe für menschliche Sünden – begangen an Gott, an den
Mitmenschen, an der Natur. Ich hoffe, ich muss hier nicht näher ausfüh-
ren, wie sehr diese Vorstellung von Gott und seiner Liebe (?) die vielen
schuldlosen Opfer der Pandemie zusätzlich in ihrer Würde verletzt, zumal
auch diese Naturkatastrophe wie viele vor ihr insbesondere Arme und
Schwache trifft! Es gibt aber auch noch andere Wege, das Leiden am Virus
als gottgewollt zu interpretieren: Vielleicht will Gott damit unsere
Menschlichkeit prüfen? Oder gibt er uns das Virus als eine Aufgabe, an der
wir wachsen und uns weiter entwickeln sollen? Gegen solche religiöse
Sinnsuche ist festzuhalten: Für die Annahme, ein guter Gott könne es gut-
heißen, ist das virusbedingte Leid zu schrecklich. Ich habe viel Respekt da-
vor, wenn Leidende – meist im Nachhinein – ihr Leiden für sich als sinn-
voll deuten („Gut, dass es so gekommen ist!“); doch das darf man nicht an-
deren vorschreiben! Es muss möglich bleiben, widerfahrenes Leid als sinn-
loses Übel abzulehnen.
Die leidvollen Auswirkungen des Virus sind nicht gut, sondern von
Übel. Wenn Gott gut ist, kann er nicht wollen, was nicht gut ist. Und was
er nicht will, das tut er auch nicht. Also will Gott das Übel der Pandemie
nicht, und er bewirkt es auch nicht. Er ist allmächtig und allwissend, aber
nicht allwirksam. Schon die Bibel erzählt viele schlimme Dinge, die gegen
3.
Martin Splett
364
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik