Seite - 366 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Doch ist das Festhalten am Glauben an Gott ohne Erklärung für sinnlo-
ses Leiden nicht töricht? – Gegenfrage: Lässt sich das Übel in der Welt oh-
ne Gott wirklich einfacher erklären? Dazu hier nur ein Gedanke15: Wenn
der Protest von Leidenden gegen ihr unschuldiges sinnloses Leiden sinn-
voll sein soll, dann setzt dies die Idee einer guten sinnvollen Ordnung vor-
aus, auf die sich der Protestierende berufen kann. In einer zufällig entstan-
denen Natur ist alles gleich-gültig, Tsunamis wie Viren machen keine Un-
terschiede. Mit welchem Recht also dürften wir fordern, dass es gerecht
und sinnvoll zugehen müsse? Und zugleich macht genau dies die Würde
von Opfern aus: gegen Unrecht und Sinnlosigkeit zu protestieren und da-
rauf hinzuweisen, es sollte anders sein! Doch das Fehlen von Sinn kann ei-
gentlich nicht sinnvoll beklagt werden ohne die reale Möglichkeit einer
sinnvollen Ordnung – und die braucht einen Sinnstifter, der nicht nur als
ursprünglicher Schöpfer, sondern auch als bleibender Garant von Sinn zu
denken ist: Gott. Wer Unrecht anprangert, setzt auf Gerechtigkeit. Die Kla-
ge gegen Widersinn setzt Sinn voraus. Der Glaube an Gott beantwortet
nicht die Frage nach dem Woher und Wozu des Übels, doch bietet er
einen Rahmen, in dem sie sinnvoll gestellt werden kann. Und er bietet die
Aussicht auf Antwort. Das rechtfertigt nicht den Schmerz des Leides, der
durch das Ausbleiben einer Antwort sogar noch gesteigert wird. Doch
Gott bleibt im Spiel, als Angeklagter – und zugleich als Grund für die
Hoffnung, dass einmal alles gut wird, dass Gott „alle Tränen abwischen
wird“. (Offb 21,4)
Die Bedeutung eines Halts in Gott für Haltung und Verhalten in
(Sinn-)Krisen
Krankheiten und Krisen stoßen uns auf Grundfragen des Lebens, der Glau-
be bietet Sinnperspektiven, zugleich stellt sinnwidriges Leiden diesen
Glauben in Frage – wobei sinnvolles Aufbegehren auf der Annahme von
Ordnung statt Chaos bzw. von Sinn statt Gleichgültigkeit beruht. Auf die-
sem Hintergrund seien einige Konsequenzen für einen gläubigen Umgang
mit der Corona-Krise skizziert.
Der Glaube an die Überlegenheit von Leben und Liebe über den Tod
befreit dazu, Sterben und Tod in den Blick zu nehmen und anderen beizu-
stehen, die davon betroffen sind. Der Glaube an eine gute Ordnung ermu-
4.
15 Wichtige Impulse dazu verdanke ich meinem Vater Jörg Splett, u. a. in Splett,
Denken vor Gott, 207–255.
Martin Splett
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik