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rausforderung, nicht nur, aber auch im Blick auf ihre rituellen Praxen:
Ihre Gottesdienste sind auf Versammlungen angelegt. Die Situation wurde
in den ersten Wochen des Shutdowns dadurch noch extrem verkompli-
ziert, dass die massiven Einschränkungen der Versammlungsfreiheit und
der öffentlichen Religionsausübung gerade in einer Phase notwendig ge-
worden waren, in der die großen monotheistischen Weltreligionen sich in
besonders geprägten Zeiten befanden bzw. auf solche Zeiten und hohe
Feste zusteuerten (Passah-Fest, Ostern, Ramadan) – Zeiten und Feste, die
für ihre jeweiligen Identitäten grundlegend sind. „Religion als kollektives,
auf symbolische Kommunikation angelegtes und sich in gemeinsamen
Körperpraktiken materialisierendes Sinnsystem“ wurde hinsichtlich ihrer
öffentlichen Realisierungsmöglichkeiten massiv beschnitten: „[D]as ‚Social
Distancing‘ als anscheinend unhintergehbarer Imperativ der Corona-
Pandemie macht vor keiner Religion halt.“5 – Das heißt: Religionen, die
von ihrem Selbstverständnis her zumindest auch auf gemeinschaftlich aus-
geübte rituelle Praxen ausgerichtet sind, müssen einen Weg finden, mit
dem aus Gründen des Gesundheitsschutzes notwendigen Social Distancing
adäquat umzugehen. Der tschechische Theologe und Soziologe Tomáš
Halík sieht darin aber darüber hinaus auch ein Zeichen der Zeit im bibli-
schen Sinne.6 Es gehe um die Neuorganisation und Umgestaltung religiö-
ser Praxen unter den äußerst herausfordernden Rahmenbedingungen einer
Pandemie. Doch neben unmittelbar notwendigen Maßnahmen, die dem
Gesundheitsschutz und teilweise einfach dem Überleben der Menschen
dienen sollen, sieht Halík die Aufgabe, „auch die tieferen Zusammenhän-
ge dieser Erschütterung“ unserer Sicherheiten in den Blick zu nehmen, die
er u. a. in der „globale[n] Verwundbarkeit der globalisierten Welt“ lokali-
siert: „Welche Herausforderung stellt diese Situation für das Christentum,
für die Kirche – also einen der ersten ‚Global Player‘ – und für die Theolo-
gie dar?“7 Als Leitmetapher für die entsprechenden Suchprozesse bietet
sich aus Halíks Sicht das von Papst Franziskus seit Längerem verwendete
Bild von der Kirche als Feldlazarett in diesen Tagen besonders an: Kirche
als Einrichtung, die Gesundheits-, soziale und karitative Dienste anzubie-
ten hat. Darüber hinaus muss sie Diagnosen stellen, also „die Zeichen der
Zeit“ zu erkennen suchen, und sie muss aus ihren Erkenntnissen heraus
Präventionsarbeit leisten, Letzteres etwa, indem sie „Gesellschaften, in de-
5 Deckers, Religiös schmerzfreie Gesellschaft. Dass Religionen ganz aus der Öffent-
lichkeit verschwunden seien, wie Deckers schreibt, kann angesichts der Vielfalt der
Erscheinungsformen ritueller Praxen freilich nicht behauptet werden.
6 Vgl. Gaudium et spes 4 in Verbindung mit Lk 12,54ff.
7 Halík, Christentum. Gottesdienst und rituelles Handeln in der Pandemie-Krise
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik