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Kollektiven welche Rolle(n) einnimmt, mit welcher Autorität dies ge-
schieht, welche Wirkungen dem Handeln einzelner Akteur*innen zuge-
schrieben werden usw. Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch solche
rituellen Vollzüge, in denen sich angesichts der Pandemie-Krise Akteur*in-
nen über Religions- bzw. Weltanschauungsgrenzen hinaus vernetzt haben
bzw. vernetzen.15 Hier sind nicht zuletzt auch rituelle Vollzüge, die säkula-
ren Charakter haben, mit einzubeziehen, bzw. wäre auch danach zu fra-
gen, inwiefern religiöse Vollzüge ritendiakonisch weit über das engere
Umfeld der entsprechenden Institutionen hinaus (auch aufgrund der me-
dialen Vermittlung; siehe weiter unten) wirksam werden.
Zweitens ist ein wichtiger, bislang noch gar nicht wirklich strukturiert
wahrnehmbarer Themenkomplex, wie sich noch einigermaßen gut – gege-
benenfalls auch mittels Einsatzes moderner Kommunikationsmedien – or-
ganisierbare Zusammenkünfte zu solchen Praxen verhalten, die sich auf
Einzelne bzw. deren engstes Umfeld beziehen. Dabei ging und geht es v. a.
um schwerste körperliche und/oder seelische Bedrängnis, um Sterben und
Tod: Wie soll es möglich bleiben, angemessene Sterbebegleitung zu ge-
währleisten, die Bestattungen technisch gut zu organisieren und v. a. wür-
dig zu gestalten und zum Trost für die Trauernden werden zu lassen? Gera-
de für Situationen des Abschieds und der Trauer sind direkte, ganzheitli-
che Erfahrungen von Gemeinschaft und Kommunikation von Angesicht
zu Angesicht entscheidend. Das oben erwähnte Bild von Papst Franziskus
von der Kirche als Feldlazarett (das sich sicherlich analog auch auf andere
Religionsgemeinschaften anwenden ließe) ruft darüber hinaus mahnend
in Erinnerung, dass die Armen und Ärmsten ebenso wenig aus dem Blick
geraten dürfen wie die Sterbenden, die Toten und die Trauernden sowie
diejenigen, denen aktuell bei der Aufrechterhaltung von Versorgungsleis-
tungen, aber vor allem auch in Medizin und Pflege Enormes abverlangt
wird. Teilweise müssen sie gar noch zusätzlich Aufgaben übernehmen, die
ansonsten professionell Seelsorgenden obliegen. Das unbedingt notwendi-
ge Engagement für Gebet und Gottesdienst darf außerdem nicht dazu füh-
ren, den diakonischen Teil kirchlicher Tätigkeiten hintanzustellen.
Drittens schließlich schält sich das Verhältnis von Virtualität und physi-
scher Präsenz in rituellen Handlungskontexten als ein überwölbender The-
menkomplex heraus, dessen Bearbeitung äußerst dringlich erscheint – zu-
mal für Kirchen, die sich als wesentlich sakramental verfasst begreifen.
„Religiöse Praxis“, so brachte es Alexander Deeg vor einigen Wochen auf
den Punkt, „verlagert sich derzeit aus den Sakralräumen in die eigenen
15 Vgl. Made for Minds, Globale Gebete.
Stephan Winter
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik