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Derler: Meine erste Sorge galt dem Pflegeheim: Wer ist alles ange-
steckt? Wie gefährlich ist das Virus für die BewohnerInnen
und KollegInnen? ... Dann hatte ich natürlich um meine Fa-
milie Angst: Habe ich sie schon infiziert? Wie wird das nun
weitergehen? ... Und erst dann begann ich über mich selbst
nachzudenken: Was passiert jetzt mit mir? Welche Symp-
tome werden noch auftauchen? Ich hatte ja auch eine Na-
sennebenhöhlenentzündung und verspürte ständig Druck.
Da kommen einem dann alle möglichen und unmöglichen
Gedanken: Was ist, wenn sich die Verstopfung der Nasen-
nebenhöhle löst und in Richtung Lunge wandert? ... Diese
Zeit war alles andere als angenehm. Zum Glück konnte
mich unsere Amtsärztin dann etwas beruhigen. Sie hat mir
bei der Bewältigung der Situation sehr geholfen. Und die
Symptome sind dann nach einigen Tagen auch wieder zu-
rückgegangen.
Platzer: Sie standen dann ja 14 Tage unter Quarantäne. Wie hat Ihr
Umfeld im Pflegeheim darauf reagiert?
Derler: Ich war ständig telefonisch oder durch elektronische Medi-
en in Kontakt mit meinen KollegInnen. Diese haben mich
immer mit aufmunternden Zusprüchen unterstützt. Aller-
dings hatten viele von ihnen auch selbst psychische Proble-
me, vor allem jene, die ebenfalls positiv auf Covid-19 getes-
tet worden sind. Diesen KollegInnen versuchte ich dann
von zu Hause aus per Telefon wieder Mut zuzusprechen. Es
war und ist für alle KollegInnen eine herausfordernde und
schwierige Zeit. Wir versuchen uns immer wieder gegensei-
tig Stütze und Halt zu geben.
Platzer: Nun aber der Reihe nach: Sie sind als Pflegedienstleiterin für 26
MitarbeiterInnen verantwortlich. Wann ist Ihnen eigentlich zum
ersten Mal bewusst geworden, dass es aufgrund eines massiven
Anstiegs von Covid-19-Erkrankungen zu einer Pandemie kom-
men könnte, und welche Gedanken gingen Ihnen damals durch
den Kopf?
Derler: Es ist mir ziemlich schnell bewusst geworden, dass dieses
Virus für unser Pflegeheim eine große Bedrohung werden
könnte. Zunächst hat sich die mediale Berichterstattung ja
vor allem um die Krankenhäuser und Arztpraxen und nicht
um die Pflegeheime gedreht. Eine Arztpraxis kann geschlos-
sen werden. Aber was ist mit einem Pflegeheim? Das kann
Barbara Derler und Brigitte Pichler – befragt von Johann Platzer
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik