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Platzer: Wie kann man in Zeiten maximaler Unsicherheit Sicherheit ge-
ben? Und was heißt vor allem „in so einer Situation Vorbild
sein“?
Pichler: Diese Frage habe ich mich auch oft gestellt. Ich habe ein-
fach immer versucht, offen über die zu setzenden Maßnah-
men zu sprechen. Darüber hinaus habe ich immer die Mit-
arbeiterInnen nach ihrer Einschätzung und Meinung ge-
fragt. Vorbild sein heißt für mich in solchen Situationen,
mich mit der Lage ausführlich auseinanderzusetzen, trans-
parent und offen über die Herausforderungen zu reden und
mich möglichst nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Es
hilft auch, wenn man sagt: „Ich bin mir auch nicht sicher,
wie seht ihr das und was machen wir jetzt?“ Das habe ich
oft gesagt. Das heißt: Es kommt wahrscheinlich auf die
Form des Umgangs mit Unsicherheiten an.
Derler: So banal es klingen mag, aber man muss in solchen Situa-
tionen einfach „funktionieren“ und mentale Stärke zeigen –
und persönliche Dinge müssen hintangestellt werden. Man
braucht dafür nicht nur einen guten Background – also eine
intakte Familie und Freunde –, sondern auch psychische
Reserven.
Platzer: Woran orientierten Sie sich bei den Entscheidungen im Haus?
Gab es so etwas wie Leitfäden oder Krisenhandbücher?
Pichler: Das erste Krisenhandbuch haben wir am 30. März bekom-
men, und zwar von der ARGE Tirol. Wir hatten das
„Glück“ – zumindest aus unserer Perspektive –, dass es in
anderen Pflegeheimen bereits früher als bei uns zu Erkran-
kungen gekommen war. In Tirol hatte man bereits sehr
früh ein Krisenhandbuch für die Tiroler Pflegeheime er-
stellt, und das hatten sie dann österreichweit zur Verfügung
gestellt. Dieses war auch das informativste und praxisrele-
vanteste. Der erste Leitfaden vom Land Steiermark ist dann
am 17. April erschienen, und das Krisenhandbuch der Cari-
tas überhaupt erst Ende April. Das war für uns alle viel zu
spät, denn der 17. April war genau jener Tag, an dem wir
erfahren haben, dass eine erste Bewohnerin von uns positiv
auf Covid-19 getestet worden ist. Das heißt, das Virus muss
da schon etwa 14 Tage vorher in unserem Haus gewesen
sein. Die betroffene Bewohnerin ist nach Ostern ins Kran-
kenhaus transferiert und zunächst negativ auf das Virus ge-
Corona im Pflegeheim. Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik