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ben wir als unterstützend und hilfreich erlebt und wo gibt
es noch Entwicklungspotenzial? So etwas meistert man ja
nur im Team. Um all das aufzuarbeiten, brauchen wir mög-
lichst zeitnah eine professionelle Begleitung.
Platzer: Nun ein paar allgemeine Fragen: Bei den Diskussionen über Lo-
ckerungsmaßnahmen kommt auch immer wieder der Vorschlag,
dass alte und schwache Menschen in der Isolation bleiben müss-
ten, während der Rest der Gesellschaft wieder in den „normalen
Alltag“ zurückkehren soll. Wie beurteilen Sie eine solche „Strate-
gie“?
Pichler: Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das würden schon ein-
mal die Angehörigen niemals akzeptieren. Eine längere Iso-
lation ist niemals aufrechtzuerhalten. Das hätte ja massive
Auswirkungen auf die Mitarbeitenden und die Angehöri-
gen.
Derler: Am Anfang dachte ich mir: Diese Menschen müssen alle ge-
schützt werden und sollen möglichst wenig mit anderen
Personen in Kontakt kommen. Mittlerweile denke ich et-
was anders darüber. Wenn ich mich nämlich in die Lage
dieser Personen hineinversetze, dann würde ich auch nicht
so lange in völliger Isolation leben wollen. Ich möchte auch
nicht, wenn ich einmal alt bin, ständig bevormundet, son-
dern nach meiner Meinung gefragt werden. Das heißt, ich
bin so einer Strategie gegenüber eher skeptisch eingestellt.
Ältere Menschen verstehen es nicht, wenn sie mit fast nie-
mandem in Kontakt treten dürfen – schon gar nicht, wenn
es nur für sie und nicht für alle gelten soll.
Platzer: Diesbezüglich zeigt auch eine Reihe von Studien, dass sich sozia-
le Isolation und Abschottung nicht nur negativ auf die psychische
Gesundheit älterer Menschen auswirken, sondern auch mit
einem deutlich höheren Sterblichkeitsrisiko einhergehen. Wie
wirken sich Ihrer Erfahrung nach strenge Kontaktsperren auf die
gesundheitliche Situation von hochbetagten und pflegebedürfti-
gen Menschen aus?
Pichler: Man kann direkt zusehen, wie diese Menschen depressiv
werden und „verfallen“. Unsere BewohnerInnen sind zwar
– anders als in Privathaushalten – niemals ganz allein. Es ist
bei uns ja immer jemand da. Aber wir können niemals die
Beziehungen und die Menschen, die sie lieben, ersetzen.
Corona im Pflegeheim. Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik