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Das ist das große Problem. Dann kommt noch die ganze
Langeweile dazu, die mindestens gleich schlimm wie eine
Isolierung ist. Dieser massive „Abbau“ mancher Bewohne-
rInnen war bereits nach drei Tagen deutlich wahrnehmbar.
Viele haben auch gesagt: „Ich will lieber sterben, als dass ich
meine Angehörigen nicht mehr sehe.“
Derler: Dem kann ich nur zustimmen. Nach einiger Zeit habe ich
zu Brigitte gesagt: „Wenn wir diese Isolations-Maßnahmen
bei unseren BewohnerInnen noch länger durchziehen müs-
sen, dann sterben sie entweder am Corona-Virus oder an
Einsamkeit.“
Platzer: Während der „Corona-Krise“ werden ältere Menschen vor allem
als „Risikogruppe“ und als „zu Beschützende und Schwache“
wahrgenommen. Was löst dies Ihres Erachtens bei älteren Men-
schen aus, wenn sie ständig damit konfrontiert werden?
Derler: Das löst bei diesen Menschen meines Erachtens ein ganz
starkes Gefühl der Bevormundung aus. Das ist so, als wenn
ich einem Kind verbieten würde, auf einen Baum zu klet-
tern, da es ja herunterfallen könnte. Das kann man mit er-
wachsenen Menschen im Grunde genommen nicht ma-
chen. Alter darf kein Stigma sein, sondern muss Selbstbe-
stimmung zulassen und wir – die Gesellschaft – müssen die-
se Selbstbestimmung unterstützen und fördern.
Platzer: Einige Gesundheitsorganisationen sehen in diesem Kontext die
große Gefahr eines Rückschritts. Dieser könnte darin bestehen,
dass sich negative Einstellungen gegenüber älteren Menschen ver-
stärken und sich diskriminierende Praktiken einstellen könnten.
Sehen Sie diese Gefahr auch?
Derler: Altersdiskriminierung gibt es schon jetzt in vielen Berei-
chen, und ich sehe hier tatsächlich eine Gefahr, dass diese
zunehmen könnte.
Platzer: Wie könnte man dem entgegenwirken?
Derler: Indem man in der Gesellschaft viel mehr darauf hinweist
und Altersdiskriminierung zum Thema macht. Nur unter-
einander darüber zu reden, das wird zu wenig sein. Dieses
Thema muss viel mehr medienwirksam in der Öffentlich-
keit thematisiert werden. Das gilt natürlich auch für alle an-
deren diskriminierten Gruppen.
Barbara Derler und Brigitte Pichler – befragt von Johann Platzer
438
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik