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Platzer: Welche strukturellen und finanziellen Verbesserungen sollten an-
gesichts der bereits bestehenden kritischen Situation in der Lang-
zeitpflege schon jetzt anvisiert werden, damit man nicht nur aus
der Corona-Krise herauskommt, sondern damit es auch zu nach-
haltigen Verbesserungen im Pflegebereich kommt?
Pichler: Nochmals: Wir brauchen mehr Personal! Das wird aber
schon lange diskutiert, und es ist auch geplant, dass hier
aufgestockt wird. Der Wille allein reicht aber nicht aus,
denn es gibt nach wie vor einen Mangel an qualifizierten
Fachkräften. Es braucht hier vor allem einen Ausbildungs-
schwerpunkt im Bereich Geriatrie und Altenpflege. Das hat
man auch bei der Novellierung des Gesundheits- und Kran-
kenpflegegesetzes wieder vernachlässigt. Da muss sich in
den nächsten Jahren tatsächlich einiges tun, denn sonst
kann zukünftig eine qualitative Pflege tatsächlich nicht
mehr gewährleistet werden.
Derler: Darüber hinaus braucht es auch eine zentrale bundesweite
Organisation und Finanzierung der Pflegevorsorge. In
Österreich gibt es bekannterweise neun Bundesländer und
jedes kocht sein eigenes „Süppchen“. So kann das nicht ge-
hen! Dann muss die Situation der Beschäftigten verbessert
werden: mehr Personal in den Gesundheitsbereichen, eine
gerechte und angepasste Entlohnung für die Arbeit und
Maßnahmen, die den Pflegeberuf attraktiver machen. Ich
finde es z. B. ganz schlimm, dass nun ausländische Pflege-
kräfte in Zügen „verfrachtet“ werden und auf diesem Wege
nach Österreich kommen, wo sie dann zunächst in Quaran-
täne gehen müssen und quasi eingesperrt werden. Das ist
menschenunwürdig und erinnert mich an Kriegszustände.
Diese Situation finde ich wirklich total schlimm. Diese Pro-
blematik sollte im Fokus stehen und da müssen Lösungen
gefunden werden.
Platzer: Nehmen Sie auch etwas Positives aus dieser Zeit mit?
Derler: Ja, vor allem die Erkenntnis, dass es trotz extremer Heraus-
forderungen weitergeht, und die Erfahrung, dass Krisen
auch bewältigbar sind. Im Endeffekt geht man gestärkt aus
der Krise hervor und ist für die Zukunft vielleicht schon
besser gerüstet.
Barbara Derler und Brigitte Pichler – befragt von Johann Platzer
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik