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Das Rote Wien | 41
Nicht nur die Verschärfung der politischen Konflikte zwischen den Akteuren auf Bun-
desebene wirkte sich ab 1930 direkt auf die Politik der sozialdemokratischen Kommunal-
politik aus, sondern auch das Wegfallen der ökonomischen Rahmenbedingungen mit dem
Eintreten der Weltwirtschaftskrise 1929. Die finanzielle Dauerkrise der Bundesregierung
hatte zusehends Einfluss auf die Verteilung der Gelder an die Länder.137 Damit geriet das
Reformprojekt des Roten Wien gerade durch seine Abhängigkeit vom internationalen
Wirtschaftssystem unter Druck.
Das Wohnbauprogramm, das 1923 mit einem Gemeindratsbeschluss zum Bau von
25.000 Wohnungen in fünf Jahren begonnen hatte, brach schließlich unter andauernden,
genau kalkulierten politischen Attacken der konservativen Bundesregierung zusammen.
Ein symbolischer Schlusspunkt wurde im kurzen Bürgerkrieg des Februar 1934 von den
Protagonisten des Dollfuß-/Schuschnigg-Regimes durch den Beschuss der Gemeinde-
bauten mit Kanonen und deren Erstürmung durch das Bundesheer gesetzt.138
1.2.5.2 Wohnbauförderung als Gegenstrategie
Die Errichtung von bürgerlich durchstrukturierten Kleinwohnungen durch private Bau-
firmen wurde schon Ende der 1920er Jahre vom Nationalratsabgeordneten Felix Pistor139
im Kampf gegen die kommunale Bautätigkeit und das sozialdemokratische Mietengesetz140
ins Feld geführt.141 Erst durch die Reform des Mieterschutzgesetzes brachte 1929 das Bun-
desgesetz zur Förderung der Wohnbautätigkeit142 der konservativen Bundesregierung als
erster Versuch zur Reaktivierung der privaten Wohnbautätigkeit nach dem Ersten Weltkrieg
kurzfristig wieder neuen Wind in die Idee der Förderung des privaten Bauens.143
Wichtigstes Projekt innerhalb der Wohnbauförderung war das Wohnhochhaus in der
I., Herrengasse 6–8 dessen Errichtung direkt und unbürokratisch an Siegfried Theiss144
137 Bauböck, Wohnungspolitik, 1979, S. 138 f.
138 Hautmann, Hautmann, Gemeindebauten, 1980, S. 135–137.
139 Präsident des Reichsbundes der Haus- und Grundbesitzer Österreichs, der ab Anfang 1927 für den Landbund (LB)
im Nationalrat saß. Seine Nationalratslaufbahn ist durchsetzt mit Lobbying-Arbeit: Anträge gegen den Mieterschutz
der SozialdemokratInnen und den Kampf gegen öffentliche Förderung für kommunale Bautätigkeit. Er befürwortete
die Förderung des privaten Bauens. Erst mit der Aussetzung des Parlamentes 1933 konnte er durch Gespräche mit
konservativen Kräften wie dem Bundesminister für Justiz, Kurt Schuschnigg, dem Abgeordneten Kunschak und seiner
eigenen Partei, dem Landbund, ein Bündnis gegen die kommunale Bautätigkeit der sozialdemokratischen Gemeinde
bilden um diese endgültig zu Fall zu bringen.
140 Nach der Auflösung des Parlamentes 1933 wurde zwar die kommunale Bautätigkeit vollständig abgeschafft, das Mie-
tengesetz blieb jedoch weitgehend unangetastet.
141 Aufwärts durch Pistor – Zehn Jahre Kampf für Eigentum und Recht – Festschrift zum Bundestag in Bregenz anläßlich
der zehnjährigen Führung der Organisation durch Felix Pistor, Wien – Gösting-Graz, 1933, S. 11 f., 28–30, 32.
142 Bundesgesetz zur Förderung der Wohnbautätigkeit vom 14. Juni 1929. Für den Fonds wurden Darlehen in einer Höhe
von 50 % bis 60 % mit einer einprozentigen Verzinsung bereitgestellt, vgl.: Hans Türr, Die Wohnungsprobleme Öster-
reichs vor und nach dem Krieg, Berlin, 1933, S. 181 f.
143 Willhelm Bonczak, Ein Leben im Dienste der gemeinnützigen Wohnungsfürsorge, Wien, 1947, S. 193.
144 Theiss war schon seit 1912 mit der ausführenden Baufirma H. Rella & Neffe Bau AG vernetzt, die, trotz teuerstem An-
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918