Seite - 59 - in Das Schwarze Wien - Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
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Der Städtebau im schwarzen Wien | 59
mit den österreichischen Architekten Karl Holey,92 Alexander Popp93 und Leopold Bauer
initiiert.94
Dem autoritären Ständestaat kann aber keinesfalls ein tiefgreifender Stadtumbau unter-
stellt werden, wie er beispielsweise durch den Bebauungsplan von 1931 in Rom verwirk-
licht werden sollte. In Wien wurden zwar Entwürfe einer modernen Verkehrsplanung
erdacht, diese waren aber aufgrund fehlender finanzieller Mittel und dem forcierten Bau
neuer Verkehrsflächen für den Individualverkehr95 nicht zur Umsetzung bestimmt. Nicht
umsonst überraschen vor allem die Dimensionen der zumeist an der Technischen Hochschule
Wien erarbeiteten Infrastrukturbauwerke.
Die Entwürfe dienten wie in den diktatorischen Nachbarstaaten Italien und Deutschland
zur Klärung einer neuen städtebaulichen Form, die über Fachzeitschriften zur program-
matischen Orientierung verbreitet wurden.96 Die propagandistisch verbreiteten Pläne und
Modelle sollten die zukünftige Stadtplanung auch für den Einzelnen erfahrbar machen.97
Die Reichweite dieser Lösungsvorschläge blieb im Ständestaat jedoch gering. Nur wenige
Projekte, beispielsweise der später vorgestellte Stadtflughafen von Brigitte Kundl,98 wurden
92 Die Baukunst von Wohnbauten und Verwaltungsgebäuden wurde von Holey als Ausdruck eines neuen Geschlechts ein-
geführt und gleichzeitig als monumentales Erbe des Römischen Reiches vorgestellt. Neue Städte und Neubaugebiete
wurden in einem historischen Kontext hervorgehoben.
93 Popp, Schüler von Peter Behrens, musste am 2. April 1934 zwangsweise der Vaterländischen Front beitreten und wur-
de am 1. Januar 1935 illegales Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Ab 1930 war er außer-
ordentlicher Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Clemens Holzmeister bootete ihn 1935/36 bei
der Bewerbung als interimistischer Leiter der Meisterschule aus. Erst nach dem Anschluss wurde er kurzfristig Mitglied
der kommissarischen Leitung der Akademie, deren Rektorat er von 1941 bis 1945 übernehmen konnte. Im Ständestaat
war er Präsident der Wiener Secession und Vizepräsident der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, vgl.: Hel-
mut Lackner, Architekt Alexander Popp (1891–194), Linz, 1991, Ausstellungskatalog Stadtmuseum Linz – Nordico,
S. 18–20.
94 Die Ausstellung legte besonderes Augenmerk auf den Umbau von Rom. Weiters wurden andere italienische Städte und
ihre Regulierungspläne vorgestellt, darunter auch die neu gewonnenen Gebiete wie beispielsweise Addis Abeba. Plasti-
sche Architekturmodelle, unter anderem eines des Foro Mussolini, und statistisches Material rundeten die Ausstellung
ab, vgl.: Secession Wien (Hg.), Ausstellung Italiens Stadtbaukunst – Veranstaltet über Anregung des Königlichen Ita-
lienischen Ministeriums für Volkskultur vom Italienischen Kulturinstitut in Wien gemeinsam mit der Österreichischen
Gesellschaft für Städtebau und der Wiener Secession, Wien, 1937, S. 5 f. Die im Frühjahr 1937 in der Wiener Secession
durchgeführte Ausstellung Deutsche Baukunst – Deutsche Plastik am Reichssportfeld in Berlin war innerhalb der Be-
völkerung weitaus populärer, vgl.: Mayer, Aspekte, in: Posch, Fliedl (Hg.), Präsentation, 1996, S. 81.
95 Baltzarek beschrieb schon 1974, dass für Massenverkehrsmittel im ständestaatlichen Wien keinerlei finanzielle Mittel
bereitgestellt wurden, vgl.: Baltzarek, Bundeshauptstadt, in: Verein für Geschichte der Stadt Wien (Hg.), Wiener Ge-
schichtsblätter, 29. Jg., Wien, 1974, Sonderheft 2, S. 83.
96 Bodenschatz, Diktatur, in: Czech, Doll (Hg.), Propaganda, Ausstellungskatalog, 2007, S. 60.
97 Ebd., S. 48.
98 Brigitte Kundl besuchte von 1931 bis 1933 die Meisterklasse von Siegfried Theiss und wurde später dessen Mitarbei-
terin. Sie absolvierte 1935 als erste Ingenieurarchitektin ihr Doktorat der technischen Wissenschaften an der Techni-
schen Hochschule in Wien, vgl.: Ute Georgeacopol-Winischhofer, Muthwill, Brigitte (geb. Kundl), in: Brigitta Keintzel,
Ilse Korotin (Hg.), Wissenschafterinnen in und aus Österreich – Leben – Werk – Wirken, Wien – Köln – Weimar, 2002,
S. 528 f.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918