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60 | Wien im Ständestaat
von der Vaterländischen Front für Propagandazwecke benutzt und konnten so in einen
öffentlichen Diskurs eingeführt werden. Trotzdem besteht die Bedeutung der hier vorge-
stellten Projekte in ihrem Hinweis auf die dringlichen Probleme des Wiener Städtebaus
um die Schaffung von zentralen infrastrukturellen Verkehrsbauten. Vor allem im univer-
sitären Bereich wurde mit der Adaption internationaler, städtebaulicher Lösungen für die
Verkehrsstadt Wien experimentiert.
2.1.2.2.1 Wiener Stadtflughafen von Brigitte Kundl
Der Wiener Stadtflughafen, den Brigitte Kundl in ihrer Meisterarbeit bei Siegfried Theiss
entwarf, sollte städtebaulich die Entwicklung Wiens zum internationalen Flugverkehrs-
knotenpunkt unterstützen. Die Dimensionierung des Entwurfs wies vor allem auf die
Dringlichkeit der Schaffung eines Gesamtverkehrskonzeptes hin. „Der Städtebauer kann
nicht nur an den Architekten das Verlangen stellen, zweckmässig örtliche Lösungen zu
finden, sondern er muss von ihm in vorbedachter Weise zukünftige Entwicklungen beherr-
schen lassen. Von dem Gesichtspunkt einer neuen geistigen und technischen Umstellung
ausgehend, wurde dieses Projekt als grosszügige Zukunftslösung aufgestellt.“99
Der Flugverkehr wurde von Kundl nicht nur als Massentransportmittel der Zukunft
verortet, sondern auch dessen Aufgabenbereich des Luftpostdienstes und des Luftfracht-
verkehrs bedacht.100 Daneben erläuterte sie die Einsatzmöglichkeiten des Flugzeuges bei
Naturkatastrophen durch Abwurf von Versorgungsgütern, im Sanitätsdienst, beim Trans-
port von Wertgegenständen und der Umgehung von Streiks bei traditionellen Verkehrs-
mitteln wie beispielsweise der Eisenbahn.101
Die Situation in Wien war, laut Kundl, durch das bereits bestehende Luftverkehrsstre-
ckennetz vorgegeben, das als Knotenpunkt in günstiger geografischer Lage einen inter-
nationalen Anschluss nach Osten und Süden gewährleistete. Der bereits am 20. März 1918
installierte österreichische Linienflugverkehr von Wien nach Lemberg wurde bis 1931 auf
die Städte Prag, Warschau, Budapest, Belgrad, Venedig, und Mailand ausgedehnt. 1931
wurden bereits 13.851 Flüge mit 22.496 Passagieren durchgeführt.102
Dieser wachsenden Bedeutung des Flugverkehrs sollte durch eine innerstädtische Lage
des Flughafens Rechnung getragen werden. Durch die Platzwahl sollten Anschlüsse an
das Verkehrsnetz der Stadt gewährleistet werden, um die Reisezeit oder Transportzeit
möglichst auf ein Minimum zu reduzieren.103 Der Flughafen in XXII., Aspern, der in
beträchtlicher Entfernung zum Stadtzentrum über der Donau lag, sollte aufgegeben wer-
den.104 Stattdessen sollte ein Stadtflughafen als Verkehrsknotenpunkt am Gelände des
99 Brigitte Kundl, Ein Stadtflughafen für Wien, Wien, 1935, Dissertation, S. 59.
100 Ebd., S. 1–3.
101 Ebd., S. 7 f.
102 Ebd., S. 17–19.
103 Ebd., S. 13.
104 Ebd., S. 19 f.
Open Access © 2017 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Wien Köln Weimar
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918