Seite - 69 - in Das Schwarze Wien - Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
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Der Städtebau im schwarzen Wien | 69
einzig vollständig durchgeführtes Projekt zu werten. 1933 wurde ein Wettbewerb für eine
Wohn-, Erholungs- und Ausflugstadt auf dem Kahlenberg ausgeschrieben, die einerseits
für den Tourismus und andererseits für den Siedlungsbau gedacht war. Es sollte ebenfalls
ein Freizeitzentrum mit Schwimmbad und einer Freilichtbühne entstehen.159 Der Bau und
die Erhaltung des Höhenstraßen-Projektes verblieben aber der Stadt Wien, nachdem sich
Ende 1935 die Bundesregierung budgetär von der Erhaltung der Bundesstraßen mittels
eines Exklamierungsgesetzes befreit hatte.160 Deswegen konnte der Sieger-Entwurf des
Architekten Erich Boltenstern 1935/36 nur teilweise verwirklicht werden. Wichtiger wurde
die Höhenstraße als Selbstdarstellungsprojekt des Ständestaates. Sie sollte Modernität mit
der Tradition des Wiens Luegers verbinden und wurde propagandistisch als Mittel zur
Arbeitsbeschaffung verwertet.161
Das Gebiet Grinzing wurde durch einen 1937 stattfindenden öffentlichen Wettbewerb
als Verkehrsanbindung zur Höhenstraße angedacht, bei der eine Erhaltung des historischen
Ortskerns gewährleistet werden sollte.162 Mit dem Entwurf der Architekten Karl Wilhelm
Schmidt und Daniel Doppelreiter wurde von der Gemeinde Wien auch ein außerhalb des
Wettbewerbes gesetzter Beitrag angekauft, der sich nicht nur um die architektonische
Ausgestaltung des Gebietes kümmerte.163 Darin wurde vielmehr der Verkehr als Grundlage
des Bebauungsplanes begriffen, da der der Höhenstraße zufließende Verkehr durch den
Ortskern von Grinzing geschleust wurde.164 Die Errichtung neuer Gebäude in diesem
Gebiet sollte vom zu erhaltenden Gesamtbild165 abhängig gemacht werden.166 Es kam
jedoch keines der Projekte zur Ausführung.167
Vor allem die Brückenbautätigkeit168 wurde in Wien vorangetrieben. Die Erneuerung
der Rotundenbrücke wurde für die verkehrstechnische Erschließung ins Sofortprogramm
des Bürgermeisters Schmitz von 1934 aufgenommen. Der Stahl- und Eisenbetonbau wurde
am 6. Juni beschlossen und dauerte 16 Monate. Die Gesamtkosten wurden mit öS 2,6 Mio.
angegeben.169 Der Bau der neuen Schlachthausbrücke wurde ebenfalls im Sofortprogramm
159 Prokop, Rudolf Perco, 2001, S. 403.
160 Rigele, Wiener Höhenstraße, 1993, S. 109–113.
161 Prokop, Rudolf Perco, 2001, S. 325.
162 Ebd., S. 415.
163 Zum Grinzinger Wettbewerb, in: Österreichische Bauzeitung, 3. Jg. Wien, Februar 1938, Nr. 6, S. 65 f.
164 Ebd., S. 69 f.
165 Der Entwurf war Teil einer Broschüre zur Novellierung der Bauordnung für Wien 1937 und mit der Forderung zur
Errichtung eines Kunstbeirates verknüpft.
166 Zum Grinzinger Wettbewerb, in: Österreichische Bauzeitung, 3. Jg. Wien, März 1938, Nr. 7, S. 89 f.
167 Prokop, Rudolf Perco, 2001, S. 415.
168 Im Roten Wien wurde schon 1928 der Neubau der Augartenbrücke beschlossen, um dem verstärkten Verkehrsauf-
kommen Rechnung zu tragen. Hubert Gessners Wettbewerbsentwurf wurde 1929–1931 ausgeführt. Die Brücke wurde
kurz vor der Einnahme Wiens 1945 durch die deutschen Truppen gesprengt und ist dadurch unwiederbringlich verlo-
ren, vgl.: Markus Kristan, Hubert Gessner – Architekt zwischen Kaiserreich und Sozialdemokratie 1871–1943, Wien,
2011, S. 306.
169 Magistrat der Stadt Wien (Hg.), Wien im Aufbau – Die Brückenbautätigkeit der Stadt Wien 1934–1936, Wien, 1937, S. 8.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918