Seite - 102 - in Das Schwarze Wien - Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
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102 | Wien im Ständestaat
Gründungsmitglied des Werkbundes von 1912 und bis 1934 maßgeblicher Protagonist,
verließ Österreich Richtung Schweden.358 Präsident wurde Clemens Holzmeister, als
Vizepräsidenten agierten Josef Hoffmann und Peter Behrens. Die Vereinigung stand damit
nach ihrer Neugründung unter dem Stern des vaterländischen Systems.359
Vor allem Clemens Holzmeister besetzte als staatstragender Architekt mehrere Schlüs-
selpositionen im Ständestaat: Präsident der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs,
ab 1924 bis 1938 ordentlicher Professor der Meisterklasse an der Akademie der Bildenden
Künste, Rektor der Akademie von 1933 bis 1937, Vorsitzender des Werkbundes, Baurat und
Mitglied des Stadtrates der Gemeinde Wien als Stadtkulturrat ab 1934, Oberbaurat, Staats-
rat und Senatsrat. Dazu kam seine persönliche Freundschaft360 mit Schuschnigg und
Dollfuß.361 Weiters wurde der spätere Dombaumeister von St. Stephan, Karl Holey, 1934
in den Bundeskulturrat berufen und war damit wie Holzmeister in einem staatlichen
Gremium präsent. Beide entwarfen im Ständestaat fast ausschließlich Sakralbauten, deren
Stellenwert dadurch zu erahnen ist.362 Holey war außerdem von 1937 bis 1938 Rektor der
Technischen Hochschule Wien.363 Robert Kramreiter war der dritte wichtige Architekt für
den katholischen Kirchenbau, der ebenfalls Schlüsselbauten für den Ständestaat plante.364
Im Assanierungsprojekt des Ständestaates in Wien konnten jedoch auch evangelische
Architekten wie Josef Vytiska, Konrad von Götz sowie jüdische Architekten365 wie Felix
Augenfeld, Philipp Diamantstein und Alfred Neumann noch Aufträge requirieren.366
Während in Österreich, laut Prokop, jüdische Architekten ihre Werke bis zum Anschluss
1938 in Fachzeitschriften publizieren konnten, um in der Fachwelt für weitere Aufträge
– Der Beitrag jüdischer ArchitektInnen am Wiener Baugeschehen 1868–1938, Wien – Köln – Weimar, 2016.
358 Er brach aber erst 1938 mit der Arisierung seiner Firma Haus und Garten seine Beziehungen zu Wien endgültig ab, vgl.:
Prokop, Zum jüdischen Erbe, 2016, S. 111, 119 f.
359 Astrid Gmeiner, Gottfried Pirnhofer, Otto Kapflinger, Vladimir Slapeta, Akos Moravanzky, Der Österreichische Werkbund –
Alternative zur klassischen Moderne in Architektur, Raum- und Produktgestaltung, Salzburg und Wien, 1985, S. 186–189.
360 In der Ersten Republik waren die Mitglieder des Cartellverbandes (CV) in der Politik als Minister und Mitglieder der
Christlichsozialen Partei überaus stark vertreten. Holzmeister war beispielsweise Cartellbruder von Dollfuß, vgl.: Wil-
fried Posch, Clemens Holzmeister – Architekt zwischen Kunst und Politik, Wien, 2010, S. 233, 189. In der katholischen
Studentenverbindung Norica in Wien waren neben Holzmeister auch Richard Schmitz, Josef Resch, Leopold Figl, Julius
Raab Mitglieder, vgl.: Enderle-Burcel, Mandatare, 1991, S. 105; mehr zur Rolle des CV im politischen Geschehen des
Ständestaates, vgl.: Stephan Neuhäuser, „Wer, wenn nicht wir?“ – 1934 begann der Aufstieg des CV, in: Stephan Neu-
häuser (Hg.), „Wir werden ganze Arbeit leisten …“ – der austrofaschistische Staatsstreich 1934 – neue kritische Texte,
Norderstedt, 2004, S. 65–140.
361 Clemens Holzmeister, Architekt in der Zeitwende, Salzburg – Stuttgart – Zürich, 1976, S. 49.
362 Feller, Baupolitik, 1991, Diplomarbeit, S. 133.
363 Mistelbauer, Wohnbau, 2016, Diplomarbeit, S. 44.
364 Prokop, Rudolf Perco, 2001, S. 282.
365 Ursula Prokop weist in ihrer Schlussbetrachtung auf die widersprüchlichen Indizien hin, die sie zur Situation jüdischer
Architekten in der Zwischenkriegszeit gefunden hat. Diese betreffen einerseits den Status, als Beamte im Stadtbauamt
arbeiten zu können, und andererseits die Besetzungspraxis von Professuren, vgl.: Prokop, Zum jüdischen Erbe, 2016,
S. 249 f.
366 Weihsmann, In Wien erbaut, 2005, S. 14.
Open Access © 2017 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Wien Köln Weimar
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918