Seite - 105 - in Das Schwarze Wien - Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
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Geschosswohnungsbau im Ständestaat | 105
Gründung einer Kommission an, für die als Mitglied auch Karl Holey in seiner Funktion
als Bundeskulturrat in Betracht gezogen wurde.376
Viele der Architekten im Ständestaat hatten bereits im Roten Wien für die Gemeinde
gearbeitet. Im Sanierungsgebiet I., Operngasse wurden beispielsweise Architekten unter-
schiedlicher Stilformen beschäftigt wie etwa Clemens Holzmeister und Franz Gessner.
Dies lässt sich auch in der Ausformung ihres Stils sehr gut erkennen, somit setzt sich die
Stilmischung des Roten Wien auch im Ständestaat fort. Dazu ist zu bemerken, dass die
Übernahme von Stilelementen des Roten Wien von Privatarchitekten an privaten Bauten
schon Anfang der 1930er Jahre verstärkt einsetzte.377 Überhaupt ist eine Kontinuität der
Architekten über das Rote Wien und den Ständestaat bis hin zum Nationalsozialismus
feststellbar. Der Wiener Oberbaurat Karl Ehn, im Ständestaat Hauptverantwortlicher der
Magistratsabteilung 22,378 führte seine Karriere auch unter NS-Verwaltung fort.379 Josef
Bittner war Mitarbeiter des Stadtbauamtes von 1921 bis 1939.380 Franz Musil, Baumeister
des Roten Wien, war von 1925 bis 1942 als Stadtbaudirektor für die Stadtplanung verant-
wortlich.381
2.2.3.2 Entwicklung des privaten Wohnbaus in der Zwischenkriegszeit
Die Rücknahme der finanziellen Mittel für die kommunalen Großbauten Anfang der
1930er Jahre ließ insgesamt eine stilistische Erneuerung des privaten Wohnungsbaus zu.
Gleichzeitig kam es, durch die bereits oben angesprochene neue Wiener Bauordnung von
1930, zu einer Vereinfachung der Baukörper und der Fassaden. Somit ist eine stilistische
Kontinuität der funktionell-nüchternen Sachlichkeit der späten Gemeindebauten in den
frühen 1930er Jahren mit der der Bauten des schwarzen Wien durchwegs gegeben.382
Weihsmann spricht von einer durch die Wirtschaftskrise bedingten Sachlichkeit, die seiner
376 Zeps, Documents of Baudirektion, in: Marquette University – History Department (Hg.), History and Faculty Research,
2011, S. 195 f., Aktenzahl: 4353/37, 4587/37, in: http://epublications.marquette.edu.
377 Klerikale und christlichsoziale Wohnbauten sowie Infrastruktureinrichtungen verwendeten ebenfalls Dreieckserker,
Turmpartien, spitzbögige Arkaden- und Laubengänge, Kunst am Bau und plastische Fassadenelemente. Ebenfalls im
privaten Wohnbau, vor allem um das Viertel III., Modenapark fällt die gleichartige Fassadengestaltung auf, vgl.: Weihs-
mann, Das Rote Wien, 1985, S. 228 f., 364.
378 Weihsmann, In Wien erbaut, 2005, S. 75 f.
379 Weihsmann, Bauen unterm Hakenkreuz, 1998, S. 1053. Karl Ehn war von 1920 bis März 1934 sozialdemokratisches
Gewerkschaftsmitglied und von 1927 bis 1929 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Vom März 1934 bis
März 1938 gehörte er der Vaterländischen Front an. Ehn arbeitete für die illegale Nationalsozialistische Deutschen
Arbeiterpartei als Zellenleiter, war jedoch trotz seines Ansuchens um Aufnahme kein Parteimitglied, vgl.: Genoveva
Kriechbaum, Der enigmatische Architekt Karl Ehn 1884–1959, in: Gerald Kriechbaum, Genoveva Kriechbaum (Hg.),
Karl-Marx-Hof Versailles der Arbeiter – Wien und seine Höfe, Wien, 2007, S. 83.
380 Weihsmann, In Wien erbaut, 2005, S. 42.
381 Ebd., S. 262.
382 Ebd., S. 124–126.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918