Seite - 113 - in Das Schwarze Wien - Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
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Geschosswohnungsbau im Ständestaat | 113
Die scheinbare Monumentalität der Wohnbauten wurde durch eine kubische Dachge-
staltung und überdimensionierte Eingangsbereichslösungen erzielt.415 Diese stilistische
Ausgestaltung, die schon den Gemeindebauten des Roten Wien eigen war, wurde in der
Republik von konservativer Seite weitgehend abgelehnt, jedoch bei fast allen Gebäuden
des Assanierungsfonds, KlWFG und der Familienasyle weitergeführt. Ein imposantes
Beispiel liefert das Wohnhaus zum Wassermännchen V., Rechte Wienzeile 71,416 wo die Wir-
kung mittels einer nach oben strebenden Fassadengliederung und eines wuchtigen Her-
austretens des Gebäudes aus der Straßenflucht unterstützt wurde.
Weitere stilistische Merkmale der Wohnhäuser des Ständestaates wurden, ausgehend
von der Übernahme von Eigenheiten des Gemeindebaustils für den privaten Wohnbau
innerhalb der Verbauung des III., Modenaparks Anfang der 1930er Jahre, schlicht von
Beispielen des kommunalen Wohnbaus entlehnt. Beispielsweise weisen die Wohnhäuser
VI., Mollardgasse 28 – Grabnergasse 2,417 III., Invalidenstraße 17 – Ungargasse 1418 und
XXI., Weisselgasse 15/17 – Schleifgasse419 abgerundete Eckausbildungen auf. Weitere
Beispiele extravaganter Ecklösungen finden sich beim Hueberschen Haus I., Singer-
straße 30–32 – Seilerstätte 4420 und beim Wohnhaus Operngasse 23–25 – Margareten-
straße 10.421 Die Weiterführung der Hofverbauung des Roten Wien bei den Familienasylen
habe ich eingangs schon erwähnt. Diese resultierte nicht zuletzt aus der Anwendung der
Wiener Bauordnung von 1930 und der Oberhoheit des Stadtbauamtes über die Bauaufsicht.
Als besonders innovatives Beispiel der Fassadengestaltung innerhalb des Assanierungs-
fonds sticht das Haus VI., Gumpendorfer Straße 89422 von Wilhelm Kattus hervor. Die
zurückgestufte Fassade wird durch runde Gitterbalkone und abgerundete Eckausbildung
dynamisiert. Das Gebäude stellt ein Beispiel des internationalen neusachlichen Stils dar.
Trotz dieser oft wiederkehrenden stilistischen Merkmale wurde der Großteil der Häu-
ser des Kleinwohnungshausförderungsgesetzes 1937, oftmals kleine innerstädtische Baulücken-
verbauungen mit wenigen Wohnungen, meist nur mit schlichter sachlicher Fassade aus-
geführt, beispielsweise die Wohnhäuser VIII., Neustiftgasse 14,423 IX., Marktgasse 15/17424
und IX., Salzergassse 12.425 „Glatt verputzte Fassaden ohne aufwendige Gliederung oder
415 Plischke, Assanierungsgebiet Operngasse, in: Tabor (Hg.), Kunst und Diktatur, Bd. 1, 1994, S. 228.
416 1937/38, Konstantin Peller, KlWFG 1937, siehe Bauliste.
417 1937/38, Engelbert Mang, KlWFG 1937, siehe Bauliste.
418 1935/36, Karl Koblischek, Assanierungsfonds, siehe Bauliste.
419 1937, Bauherr und Bauausführung: Franz Josef Hopf, KlWFG, siehe Bauliste. Das Wohnhaus wurde schon 1934 für den
Assanierungsfonds angesucht, aber aufgrund der politischen Einschätzung des Bauherrn als Nationalsozialisten ab-
gelehnt, vgl.: Trinkaus, Wohnbaupolitik, 2013, Diplomarbeit, S. 69.
420 1937–1939, Assanierungsfonds, siehe Bauliste.
421 1935/36, Franz Gessner, Assanierungsfonds, siehe Bauliste.
422 1937, Wilhelm Kattus, KlWFG, siehe Bauliste.
423 1937/38, Otto Nadel, KlWFG, siehe Bauliste.
424 1938, Franz Wiesmann, KlWFG, siehe Bauliste.
425 1938, Franz Wiesmann, KlWFG, siehe Bauliste.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918