Seite - 168 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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168 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
unddieTeilhabeanuniversellenOrdnungsprinzipiensymbolisiert.Umsowichtigerwar
es, dynastische Schlüsselmomente wie Geburt, Hochzeit, Krönung, aber auch Tod den
UntertaneninrechterWeisezuvermitteln, sie inderÖffentlichkeit sichtbarzumachen:
durch Festlichkeiten verschiedenster Form, durch Inszenierungen, Bilder, Denkmäler,
Bauten, IlluminationenundandereerinnerungskulturelleUnternehmungen.DieseVer-
öffentlichung des eigentlich Privaten, die das Volk teilhaben lässt am Herrschaftsleben
als einer suggerierten stabilen gesellschaftlichen Kon guration, wäre aber semio-
tischaufeinevergleichsweisegeringeAdressatenzahlbeschränkt,würdeRepräsentation
nicht auch diskursive und kommunikative Konzepte der Weitergabe beinhalten.3 Lite-
raturbildet indieserHinsicht wieauchbildendeKunstundMusik einenessentiellen
ästhetischen Beitrag zur medialen Vermittlung und Ausdeutung des Repräsentations-
akts; sie ist, mit Horst Wenzel zu sprechen, Repräsentation der Repräsentation 4 auf
einer Metaebene, die ganz gezielt bestimmte Aspekte für bestimmte Zielgruppen auf-
bereitet und dadurch selbst wieder soziale Verhältnisse sinnlich erfahrbar macht. Früh
fand dabei auch Dialekt als ästhetisches Mittel Verwendung, nicht zuletzt um über Nä-
hesprachlichkeitundsimulierteMündlichkeitdiebesondereRelevanzdesVorgeführten
auch für die Unterschichten zu vermitteln. Neben dieser von oben gesteuerten oder
zumindest geförderten Literatur etablierte sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts mit
vaterländischen` Texten eine andere Form herrschaftsaf rmativer Literatur. Sie reprä-
sentiert die Identi kation des Volks mit der gesellschaftlichen Ordnung als Ausdruck
einer Internalisierung seiner Herrschaft, wenn in ihr das gelingende Leben der Bevöl-
kerung fernab der Herrschaftszentren ursächlich mit der Bestätigung der bestehenden
politischen Strukturen in Zusammenhang gebracht wird. Um die demonstrierte Vater-
landsliebedeseinfachenVolksauthentischerwirkenzulassen, ließmandieinihremge-
nuinenUmfeldagierendenProtagonistendabeigerneauchin ihrer`, freilichgeglätteten
Mundart sprechen. Konnte Literatur auf diese Weise in der ktionalen Festschreibung
für die Stabilisierung der labilen gesellschaftlichen Rangordung funktionalisiert wer-
den, vermochte sie freilich ebenso die Instabilität des gesellschaftlichen Gefüges, seine
Widersprüchlichkeiten und Problemfelder offenzulegen und Gegenmodelle zu lancie-
ren. Dass sich derlei Dichtungen im 18. Jahrhundert seltener erhalten haben, bedarf
angesichtsderimmerrigiderenZugriffsmöglichkeitendesStaateskeinerErklärung.Zu-
fall allerdings ist es keiner, wenn für die Gestaltung und Verbreitung auch hier gezielt
mündlichkeitsnahe Sprachformen literarisiert wurden, die an ein Gemeinschaftsgefühl
derUnterdrücktenundMinderprivilegiertenappelliertenundsichdiekommunikativen
VorzügevolkskulturellerTraditionenzunutzemachten.
3 Vgl.Ragotzky/Wenzel,Hö scheRepräsentation,S.183ff.
4 Wenzel,Hö scheRepräsentation,S.19.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen