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REPRÄSENTATIONEN DYNASTISCHER SCHLÜSSELMOMENTE 169
RepräsentationendynastischerSchlüsselmomente:
Geburt Hochzeit Krönung Tod
EswarkeinealltäglicheGeburt,dieam13.AprildesJahres1716inWienAnlasszuJubel
undvielfältigenFestlichkeitengab:EswardieGeburtdes langeersehntenThronfolgers,
der Kaiser Karl VI. beerben und somit die männliche Sukzession im Habsburgerreich
sichernsollte.SchonbeiderWahleinerpassendenEhefrauhattederAspektderThron-
folge eine wesentliche Rolle gespielt; nicht nur die Herkunft musste bedacht werden,
sondernauchderGesundheitszustand,umdieEignungzurMutterschaftabschätzenzu
können. Die Wahl el letztlich auf Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel,
diedemSohnLeopoldsI.,damalsalsKarlIII.nochspanischer(Gegen-)König,1708an-
getraut wurde. Als drei Jahre später sein Bruder Joseph I. unerwartet starb, trat Karl die
Nachfolge in der Habsburgermonarchie an und wurde im Dezember 1711 zum Kaiser
gekrönt.
Aus den Erfahrungen im Spanischen Erbfolgekrieg heraus setzte Karl 1713 mit der
Pragmatischen Sanktion auch rechtliche Schritte zu einer den Bestand sichernden Re-
gelung der Thronfolge. Die wichtigsten Punkte der Urkunde legten eine Folge fest, die
seine männliche Nachkommenslinie (beginnend mit dem ältesten Sohn) vorreihte, der
alle anderen männlichen Linien folgen würden, ließ aber darüber hinaus bei fehlenden
männlichen Erben auch weibliche Thronfolger zu. Zudem wurde die Unteilbarkeit und
Untrennbarkeit aller habsburgischen Territorien festgelegt. All diese Bemühungen un-
terstreichen die Bedeutung der Nachkommenschaft für das Kaiserpaar, das dem Druck
ausgesetzt war, für den Fortbestand der Dynastie Sorge zu tragen. Umso schwerer wog
die jahrelange Kinderlosigkeit. Erst nach achtjähriger Ehe konnte Elisabeth Christine
am Ostermontag endlich einen Sohn, Leopold Johann, zur Welt bringen. Die mit viel
Pomp begangenen of ziellen Feierlichkeiten fanden ihren Widerhall in mehreren Ju-
belschriften, die die Geburt feierten, dem jungen Erzherzog huldigten und auch den
Eltern Ehrerbietung entgegenbrachten, wobei häu g auch die lange Zeit des Wartens
und die nunmehrige Erlösung thematisiert wurden. Im unmittelbaren zeitlichen Pro-
duktions-undRezeptionskontextwarselbstverständlichnichtdenkbar,dassdemGlück
kein langer Bestand gewährt sein sollte; bereits wenige Monate später, am 4. November
desselbenJahres, starbderPrinz. InweitererFolgeerwiessichdievorsorglichgetroffene
undmitvielendiplomatischenZugeständnissenleidlichabgesichertegesetzlicheVeran-
kerungderThronfolgealsreichserhaltendeMaßnahme.DenndademPaarkeinweiterer
Sohn beschieden war, trat 1740 die erstgeborene Tochter Maria Theresia die Nachfolge
indenhabsburgischenLändernan.
Ein besonders interessantes Zeugnis aus dem Kontext der hö schen Repräsentation
rundumGeburtundTaufe ihres frühverstorbenenBruders isteinedreiteiligedialektale
Liedfolge,diezeitnahezumEreignisalspoetischesÄquivalentzudenof ziösenRelatio-
nen im nächsten Umfeld des Hofs entstanden und schon als Serie geplant worden sein
dürfte. Im ersten Teil mit dem Titel Bäurisches Oster-Märl und gesungen nach der Me-
lodiedes(verschollenen)LiedsGrüßdiGOttVötter /danckdirGOttMämberichtetder
eben aus der Stadt zurückgekehrte Bauer Veitl seinem Standesgenossen Stöf von den
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen