Seite - 190 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 190 -
Text der Seite - 190 -
OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR
190 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
Was!schry igläi,mainSuhn!undsprungmitz'glaichäFüssen,
Riß ihmdaBrief furHand.MäinPoltelbildäsäin,
Gläiwaräd'Muetäda,undsteckt ihrNasendräin.
DäinSchwestä,Brudä, s'Mentsch,alls läft fuFraidenzamä,
Undham,wasdumirschräibst,mitofnämMaul fänomä.
ImgantzenDorf istglaideZäitingummäg'rent,
AswannäHahnhetKrät,wied'Sunnäfüräbrennt,39
1Mitichä]Mittwoch2 erinaMitta]vierUhrnachmittags5bildäsäin]stelldirvor7s'Mentsch]Dienstmagd
zamä]zusammen9 Zäiting]Nachricht ummäg'rent]herumgelaufen10 fürä]hervor
Das ganze Dorf strömt zusammen, um Leopolds Bericht zu diskutieren, Treuebekennt-
nisse abzugeben und diese gleich anschließend bei einem Trinkgelage zu begießen. Mit
dem Auftritt des Dorfrichters kommt ein weniger erfreulicher Aspekt des hö schen
Zeremoniells ans Licht, der die Dörfler als Leibeigene direkt betrifft: In den nächs-
ten Winterwochenwaren als Handdienst für dieGrundherrschaft Wegrobotarbeiten zu
leisten, um die Reise des Prinzenpaars und seines Gefolges in die Niederlande zu er-
leichtern:
WIesNachtstätaniwurd;däMondäfüräbrochä;
SohamsimainiGest stätnaundnaväkrochä.
NobäidäNachtmüstallsaufd'Strassenaussi furt;
DernufumWaingriengwest,hatwohläwenig'murrt.
VielWochähießäsnu: fahr, robat;machAnstalten;
Raibzu; ladauf; fahrher;grabaus;väschütt, laßhalten.
Alls,wasmäg'schaft,dasg'schäch,undendli führtmäzui,
Daßd'Herrschaft,Leuth,undRoß,undalls fainz'essengnui.40
1stätani]schönlangsam fürä]hervor3aussi]hinaus5robat] leisteFrondienst,arbeite6Raibzu]einenSpalt
füllen, schließen7 mäg'schaft]manbefohlenhatte8 gnui]genug
AlsLohnfür ihreMühewurdedenUntertanenaber sozumindest inderLogikdesaf-
rmativen Texts die Gnade zuteil, die Ankunft des Herrscher- und des Prinzenpaars,
die sich hier auf der ersten Reisestation trennten, aus nächster Nähe zu beobachten.41
ErneutwartetderBerichtmitbreitenenkomiastischenPassagenauf,diewiederdieVor-
bildlichkeit Maria Theresias herausstreichen. Der Brief schließt mit der Empfehlung an
denSohn,beimMilitär seinGlückzuversuchen.
DieseraberarbeitetmittlerweilealsKammerdienerbeieinemStudenten,wiederLe-
ser im dritten Teil, der Gegen-Antwort Des Lepolt Oestareichäs An seinen Vatter Ulri,
erfährt. Die Brief ktion wird beibehalten, doch weicht der Text formalstilistisch und
thematischvondenvorausgehendeninsofernab,alsernicht inAlexandrinern,sondern
39 AntwortDesUlriOestäreichäsS'Hof-BaurenszuBergwiesenfeldanseinSuhnLepoldaufdieB'schräibing
Des Uhfägleichlichä Küritags / Der In am Saal / dens d'Rait-Schul hoässen / am 12. Janari. Ani curen-
tis g'halten worden. Just bey der Abreiß Unserä Frau Ertz-Hertzogin MARIA ANNA Und ihres Herrn /
Herrn Eh-Gmahl Printz Carls Den 23. Febr. 1744. [...] Wien gedruckt und zu nden, bey Franz Andre
Kirchberger,Universitäts-Buchdruckern,aufdemaltenFleischmarckt imKullmeyrischenHaus, f. 2r.
40 Ebda., f. 3v.
41 DadasersteNachtlagerlautWienerZeitunginStockerauwar,könntederDichterausdemUmfelddesdor-
tigenFranziskanerklostersstammen, indemvermutlichumfangreicheAbendunterhaltunggebotenwurde.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen